00.08.2010 Der Fall Brunner und die Diskussion um Zivilcourage

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Der Fall Brunner und die Diskussion um Zivilcourage

Am 12. September 2009 stellte sich Dominik Brunner schützend vor 4 Jugendliche und schlug zwei mutmaßliche Angreifer in die Flucht, die ihm jedoch tödliche Verletzungen zufügten. Für eine Weile galt er als Held, erhielt das Bundesverdienstkreuz und sogar eine Stiftung in seinem Namen wurde gegründet. Doch nun läuft der Prozess gegen die Angreifer und plötzlich steht Brunner selbst als Täter dar. Er habe „um die Angreifer herum getänzelt“ und „mutwillig zuerst angegriffen“.

Zivilcourage ist eine heikle Sache denn erstens wird sie immer seltener und zum Zweiten ist die Gesetzeslage nicht stimmig, wenn es um Selbstverteidigung und Schutz geht. Verteidigen darf nur, wer vorher tatsächlich angegriffen wurde, nicht wer sich bedroht fühlt. Wie bedroht ein Einzelner vor zwei Männern sich fühlt, der vier Jugendliche beschützen will, das ist in etwa abschätzbar doch, wenn Brunner wirklich zuerst zugeschlagen hat, dann gilt trotz allem er als Angreifer.

Ich will mich da gar nicht in Rechtlichem versuchen, Fakt ist, dass die Verhandlung noch nicht abgeschlossen ist und die Zweifel immer lauter werden. Mittlerweile heißt es sogar, dass ohne sein Zutun die Situation unter Umständen nicht eskaliert wäre. Eine gefährliche Mutmaßung angesichts der Tatsache, dass die (derzeitigen) Täter den eindeutigen „Vorteil“ haben, dass Brunner nicht mehr aussagen kann und sich als harmlos darstellen können.

Beleidigungen auf offener Straße, auch Bedrohungen, sind längst keine Seltenheit mehr. Wer noch nie Opfer eines zumindest versuchten Raubs oder einer groben Anpöbelei in einer deutschen Großstadt geworden ist, wohnt entweder in teureren Vierteln oder verlässt abends und am Wochenende nicht das Haus. Schuld sind oft verwahrloste Familienverhältnisse und/oder Alkohol und Drogen aber sicherlich auch fehlende Grundmoral. Und so ungern ich auch die Unterhaltungsindustrie beschuldige aber Kinofilme komplett ohne Gewalt gibt es doch nicht mal mehr für die unter 16jährigen.

Zivilcourage wird also dringend gebraucht und fängt im kleinen an. Wenn eine alte Frau neben Ihnen in der Bahn keinen Platz findet, weil ein paar Jugendliche sie lieber belegen, als sich zu erheben, dann sind ein paar höfliche Worte angebracht. Und doch höre ich immer wieder „Was weiß ich denn, ob die heute mit 14 nicht schon ein Springmesser in der Tasche haben“. So weit sind wir nämlich schon, dass sich eine ganze Generation Erwachsener davor fürchtet, einen fremden Jugendlichen zurechtzuweisen, einige sogar die eigenen Kinder.

Aber so ganz war Zivilcourage auch noch nie „in“, wie Prozesse über die Jahre zeigen, bei denen Opfer durch Dörfer gehetzt, am helllichten Tag zu Tode geprügelt oder schwer misshandelt wurden. In Leipzig war es im letzten Monat „im Trend“ 80 bis 90-Jährige niederzuschlagen und zu berauben – einer der Mittzwanziger-Täter konnte jedoch schon beim zweiten Mal von einem gleichaltrigen Anwohner gestellt werden. Das ist selten geworden.

Im Fall Brunner bleibt abzuwarten. Ich denke nicht, dass Unbeteiligte beurteilen können ob der Mann zur „Überreaktion“ neigte aber es sei auch mal dahin gestellt, denn schuldig zumindest der Bedrohung und des Totschlags dürften die Täter auf jeden Fall befunden werden.

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