11.04.2010 2 Deutsche in Flugzeugabsturz umgekommen

Samael Falkner / erschienen 11.04.2010 auf „HAWK“

2 Deutsche in Flugzeugabsturz umgekommen : Nationaler Egoismus und Heldentum in den Nachrichten

„Weltweit Trauer über Kaczynskis Tod“ titel die Zeit. Der polnische Präsident Lech Kaczynski ist bei einem Flugzeugabsturz zu Tode gekommen. Akzeptiert. 95 weitere Menschen auch. In diesem Fall zum großen Teil Diplomaten und Politiker. Aber das ist nicht der Nachrichtenaufhänger. Die Headlines gelten Kaczynski. Anderes Beispiel: „Eine Deutsche bei Erdbeben auf Haiti umgekommen“ tönte die Abendzeitung im Januar. Besonders morbide hier, denn in Haiti kamen um die 300.000 Menschen um, 1,5 Millionen wurden obdachlos.

Im Falle von Unfällen, Naturkatastrophen und Kriegen neigt der Mensch weltweit zu überschaubaren Zählungen. Die Amerikaner zählen ihre gefallenen Soldaten praktisch täglich in den Zeitungen des Landes. Bei uns werden Einzelpersonen in großen Katastrophen erwähnt, selbst wenn sie nur verletzt wurden (oder wie bei oben genannter Frau nie auch nur bestätigt). Und wenn dann noch ein Prominenter erwähnt werden kann, ist die Opferzahl an sich auch schnell vergessen.

„We don’t do body counts“ lautet das mittlerweile recht bekannte Zitat eines General Tommy Franks auf IraqiBodycount.org. Die Website zählt seit Beginn des „Krieges“ (oder nennen wir es Besetzung?) durch die Amerikanischen Truppen im Irak 2003 die Zivilopfer unter der irakischen Bevölkerung. Von wie vielen haben wir gehört, auf wie viele würden Sie schätzen? 104.529 Menschen sind es nach Zählung der Seite. Natürlich wird nur gezählt, wer durch amerikanische Angriffe o.ä. ums Leben gekommen ist. Auf amerikanischer Seite waren es knapp 4000 – Soldaten natürlich, keine unbeteiligten Zivilisten. Da waren es auf irakischer Seite gut 11.000. Das sind ganz andere Zahlen als wir sie sonst hören und lesen. „Ein deutscher Soldat wurde bei Bagdad getötet, 2 leicht verletzt“ gibt uns ein anderes Bild von Krisensituationen und Eskalation.

Klar ist: Die Presse konzentriert sich lieber auf kleine Zahlen oder einzelne Individuen – im Falle von möglichen Touristenzielen auch auf Restaurants und Bars an sich – aber der Einwohner geht gerne unter. So waren während der Erdbeben in Haiti alle schockiert. So viele Tote. Das können wir uns nicht vorstellen. Aber die 25.000 Hungertoten nach UN-Zählungen weltweit, die nehmen wir hin. Nein eigentlich nehmen wir sie nicht hin, wir werden einfach nicht mehr daran erinnert, dass Menschen sterben weil sie keinen Zugang zu Wasser und Nahrung haben.

Stellen Sie sich vor, Sie schlagen morgen die Tageszeitung auf und lesen auf dem Titelblatt: „31,5 Millionen Hungertote pro Jahr „

Können Sie sich die Zahl von 31 Millionen Menschen vorstellen? Können Sie sich diese Zahl in Leichen vorstellen? Was denken und fühlen Sie, wenn Sie es versuchen? Es dürfte einer tatenlosen Ohnmacht gleich kommen. Wahrscheinlich würden Sie schnell umblättern, das Wetter für den Tag nachlesen. Sie würden Ihr Frühstücksbrötchen vielleicht von sich schieben und eine Minute darüber nachdenken, wie es wäre, in der Wüste zu verhungern. Sie würden nicht spenden wie Sie es vielleicht bei Haiti getan haben. „Was sollen meine 50 Euro bei 31 Millionen Menschen bewirken?“ ist, was Ihr Unterbewusstsein Ihnen in dieser Situation sagt.

Der polnische Präsident ist tot. Ein Mann, der die Todesstrafe in seinem Land wieder einführen wollte, Homosexualität verabscheute und auch sonst das war, was weithin als rechts aussen konservativ gilt. Wir sollten dringend um ihn trauern. Dann vergessen wir auch die heutigen 25.000 Kinder und Familien, die verhungert sind.