2009 Die interpretierte Generation

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Die interpretierte Generation

Die Jugend kann für sich alleine sprechen

Die Jugendlichen von heute verbringen zu viel Zeit mit Videospielen, werden immer schlechter in der Schule, interessieren sich nicht mehr für ihre Umwelt und ernähren sich ungesund und verantwortungslos. So oder so ähnlich sieht das aktuelle Bild unseres Nachwuchses aus, welches täglich von der Öffentlichkeit gezeichnet wird. Aber wie sehen sie sich selbst und wie sehr treffen die bildhaften Vorurteile, die seit Jahrhunderten in immer abgewandelter Form die Runde machen, heute auf die „Generation Neue Medien“ zu?

Ich habe mir einmal drei grundverschiedene Vertreter der jungen Generation vorgenommen und von ihnen Antworten verlangt. Antworten, die die Medien nicht für sie geben sollten, denn wer könnte besser für die Jugend sprechen als sie selber.

Francis ist frische 16 Jahre jung, besucht derzeit ein Mediencollege und möchte nach eigenen Angaben eine Künstlerlaufbahn einschlagen. Robert, 15 ist Schüler „von Beruf“, Tom (Name auf Wunsch geändert) mit seinen 19 Jahren der Älteste der Befragten.


Ich danke euch zuerst einmal für die Teilnahme. Es soll heute um euch gehen, eure Meinung allein. Die Politik dichtet der Jugend von heute an, keine Perspektiven sehen zu wollen. Es heißt, ihr hättet keine Pläne und könntet euch aus dem verwirrenden Angebotsdschungel nicht befreien. Darum möchte ich gern von euch wissen: Habt ihr eine konkrete Zukunft vor Augen und wenn ja, wisst ihr schon, wie ihr sie umsetzen wollt?

Francis: Ja ich habe einen sogenannten „roten Faden“ vor Augen – einen Weg, den ich auf alle Fälle einschlagen werde, aber wo und wie genau kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber auf alle Fälle will ich meine Ziele in Form von Bildung erreichen und hoffe, dass sich dadurch eine klarere Linie abzeichnet und ich genau weiß wie und wo ich was werde.

Tom: Eigentlich habe ich sehr wohl einen Zukunftsplan, auch wenn er des Öfteren zu scheitern droht. Die Umsetzung wird recht einfach sein.Vorerst brauche ich aber noch ein gewisses Fundament. In diesem Falle wäre es einen besonderen Schulabschluss zu erreichen um meinen Zukunftsplänen nachzugehen.

Robert: Naja, ich persönlich habe keine konkreten Zukunftspläne, weil es schwer für mich ist, im Moment ein festes Ziel für ins Auge zu fassen. Allein in Sachen Schule gibt es zu viele Faktoren, die Einfluss darauf haben – zum Beispiel eben der angestrebte Abschluss – darum dümpel ich im Moment eher planlos durchs Leben.

Alle sprechen von Krise. Einige von der sozialen, andere von der finanziellen aber alle sind sich sicher: Die Krise ist angekommen. Wie viel Krise bemerkt ihr in eurem Alltag?

Tom: Benzinpreise, mein täglich Bier etc. Vieles ist wirklich billiger geworden, was mir eigentlich ganz gut gefällt. Hoffentlich hat dies keine negativen Folgen. Wobei ich mir da auch keine positiven Folgen erhoffen könnte.

Francis: Eigentlich schon, na klar es kommt eben auch darauf an wo man her kommt und unter welchen Umständen, aber vor allem die soziale Krise hat sich heraus kristallisiert. Man trifft heute kaum noch Jugendliche die noch etwas anderes im Kopf haben außer: Party, Saufen und Faulenzen. Bildung ist gänzlich aus den Sprachschatz der Jugend verschwunden und überhaupt ist der Umgang untereinander nicht mehr als freundlich zu bezeichnen. Immer mehr rutschen ab, da keine Ziele mehr vorhanden sind. Und da spielt dann öfters auch die finanzielle Krise eine Rolle, da es manchen Eltern schwer fällt die Bildung ihrer Kinder und ihre Stärken zu finanzieren.

Robert: Ich bekomme die Finanz- und Sozialkrise eigentlich nur in den Nachrichten mit, da meine Eltern in relativ krisenfesten Branchen tätig sind und ich nicht sehr viel mit der finanziell schlechter gestellten Schicht in Kontakt komme.

Die Jugend verbringt mehr Zeit vor PC und Fernseher als an der frischen Luft. Sagt die Öffentlichkeit. Gleich vorweg: Der Rest der Bevölkerung auch. Von euch wüsste ich nun gern: Wie nutzt ihr denn die neuen Medien wirklich und wie steht’s um „Offlineaktivitäten“? Trifft die Kritik zu?

Tom: Teils teils, denn ich verbringe zwar viel Zeit an meinem „wundertollen“ Rechner, aber ich arbeite daran. Eher selten nutze ich das Teil für irgendwelche Belustigungen oder dergleichen. Also wird diese Zeit nicht sinnlos aus dem Fenster geworfen, denn das ist auch das, was ich später zu meinem Beruf machen möchte. Aber meine Offlineaktivitäten kommen hier auch nicht zu kurz. Ich bin nämlich oft draußen. Unternehmen zwar das Meiste gern allein aber ich bin auch nicht aus der Realität geflohen.

Francis: Die Kritik trifft auf jeden Fall zu, Offlineaktivitäten werden immer seltener, und auch ich muss mich oft ertappen das ich wieder mal einen ganzen Tag vor dem Rechner verbracht habe. Ein Grund ist, dass der Rechner oft soziale Kontakte ersetzt, eine umfangreiche Palette für Zeitvertreib bietet. Fernsehen kann ich nicht beurteilen, da ich es selber nicht oft nutze und auch sonst mich mit niemandem darüber unterhalte. Medien werden voll und ganz ausgenutzt. Um auf die Frage zu antworten und ich habe aber trotzdem noch sogenannte „Offlineaktivitäten“ aber es kommt eben mal vor das man z.B. einfach mal nicht weg kommt vom Rechner.

Robert: Das kann ich nur bestätigen, weil ich es an mir selber ja auch feststelle. Aber die Technik ist heute so weit, dass Chatten und Onlinetreffen fast mehr Spaß macht als persönlich miteinander zu reden. Jeder hat allerdings seine eigene Meinung und eine eigene Sicht auf das Thema. Folgende Generationen werden sich vielleicht nur noch in einer virtuellen Welt treffen.

Gibt es ein Problem der heutigen Politik- und Weltlage, das euch persönlich am Herzen liegt? Wenn ja, wieso und engagiert ihr euch für eine Lösung?

Tom: Ja natürlich gibt es Probleme, die mich aber nicht wirklich interessieren, da ich mich für Politik sowieso nicht richtig befasse oder mich damit beschäftige. Ein Engagement in der Politik wäre für mich undenkbar.Ich will es nicht und werde es auch nie wollen. Und dies hat auch seine Gründe, die ich jetzt nicht nennen mag, da es viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde.

Robert: Ja und zwar das Afrika- und China-Problem. Afrika ist arm und China macht mir ein wenig Angst. Gegen beides kann man irgendwie nichts machen..

Francis: Ja allerdings! Durch einer Diskussionsrunde in der Schule zum Thema Amoklauf in Winnenden sind wir zu den Entschluss gekommen, den Klassenzusammenhalt zu stärken. Und da wir voller Eifer das auch in die Tat umsetzen wollten und nicht nur für uns sondern das auch anderen zu Gute kommen sollte, haben wir an einem Diskussionsabend zum Thema „Wer erzieht die Jugend, Welche Rolle spielen die Medien, Was kann man verbessern!?“ in einem Gymnasium mit vier Abgeordneten der CDU teilgenommen. Als die Politiker sich warm geredet hatten und das Thema im Ganzen verfehlten (da es sich nur um Geburtenraten heben und wie man Eltern finanziell unterstützen kann drehte), haben wir unsere Frage zum Thema Klassenzusammenhalt stärken, die sich hauptsächlich mit der Förderung und Umsetzung im Lehrplan beschäftigten, in die Runde geworfen. Als Antwort bekamen wir nur ein „Schön, das sich Schüler hier her getraut haben“. Die Frage an sich blieb unbeantwortet im Raum stehen, auch mit Nachdruck und einem schriftlichen Nachreichen der Frage haben wir nichts erreicht und auch keinerlei Antwort bekommen. Nun fragt man sich : Wozu sich engagieren?

Stichwort Kultur. Wo fängt für euch Kultur an? Was bringt sie mit sich und gibt es vielleicht einen Kulturrahmen ( z.B. Theater, Literatur, Philosophie), der in euren Augen nicht für Jugendliche integrierbar ist, egal wie modern man ihn gestaltet?

Francis: Grundsätzlich finde ich alles im Bereich Kultur integrierbar. Ob es danach noch Kultur ist, wenn man es versucht, jedem passend zu machen ist fragwürdig, aber grundsätzlich halte ich das für möglich. Ja einen Kulturrahmen gibt es da dennoch, da man meiner Meinung nach nicht alles als Kultur bezeichnen kann.

Tom: Also Kultur fängt für mich da an, von wo ich auch etwas Zeitgeschichte entnehmen kann. Sei es Musik, Literatur oder anderes. Zum Teil beschäftige ich mich auch mit Philosophie, lese sehr viel und gerne und Theater besuche ich ebenfalls mit derselben Freude. Sofern sich solch‘ Gelegenheiten bieten. Was ich sehr schade finde ist, dass sich heutzutage die Jugend immer weniger für kulturelle Dinge fasziniert. Was auch ihren geistigen Horizont begrenzt, wie ich finde. Und Kultur würde ich nicht unbedingt „modern“ gestalten, damit sich irgendwer damit befassen sollte. Wenn es nicht ankommt, dann wird es auch durch so eine „Verpackung“ nicht an den Mann bringen lassen, denke ich.

Robert: Kultur…. Bücher, Mangas, Comics, Filme, Gemälde und andere Formen von Kunst (außer Ausdruckstanz und ähnliches) sind für mich Kultur…auch Musik….aber kein Hip-Hop, eher klassische Musik und Techno.

Wenn ihr den Medien, die die heutige Jugend gern interpretieren, zusammen würfeln und deren Meinung beschneiden, wie es ihnen gerade passt, etwas sagen könntet und dies auf den Titelblättern aller größeren Tageszeitungen gedruckt werden würde – Was wäre eure Nachricht und wieso wäre euch das gewählte Thema so wichtig?

Robert: „BILD ZEIGT MERKELS PORTEMONNAIE! – SO VIEL VERDIENEN BONZEN WIRKLICH!“ „DAS IST DEUTSCHLANDS SYMPATHISCHSTER SCHÜTZENVEREIN!“ „BRUTAL BEHANDELT – KIND BEKOMMT FERNSEHVERBOT, NUR WEIL ES MIT EINEM FEUERZEUG DIE AKTENTASCHE VOM PAPA VERBRANNTE!“
Für Medien ist es wegen der großen Konkurrenz sehr wichtig, massentauglich zu sein, darum muss es generell irgendetwas mit Geld, Kindern oder nationalen Bräuchen zu tun haben.

Tom: Also wenn ich diese Frage richtig verstanden habe, dann würde ich meinen, dass ich den Titel in einer Mischung aus Materialismus, Idealismus und Geld zusammensetzen würde. Denn heutzutage sind die Werte so verdreht, dass ich das Kotzen bekomme. Ich kann dieses Denken nicht nachvollziehen und finde es sehr primitiv nach Geld, Rum und Reichtum zu streben. Sich zu verformen und nicht mehr ich selbst sein. Sich hinter einer Maske verstecken. So was geht für mich ganz und gar nicht. Ich würde auch dieses Thema stark anheizen, vielleicht mit gut überlegten Fragen im Text danach. Fragen wieso sie dies so fasziniert und ob man damit wirklich glücklich werden kann. Denn der Mensch ist so veranlagt, dass es nach dem Glück sucht. Und so was wie Geld, Materialismus oder Anderes ist für mich kein Glück. Ich definiere Glück anders.

Francis: Ich würde vermutlich das Thema Bildung ansprechen und Zukunftsträume. Ich habe schon viele Leute kennen gelernt, die mehr als naiv sind. Gegen einen gesunden Optimismus habe ich nichts, aber wenn es zur größenwahnsinnigen Naivität ausartet, ist das schon nicht mehr normal. Die Schlagzeile wäre „Traumberuf: Milliardär“ – berichten würde ich von mangelnder Bildung in und außerhalb der Schule.