2009 Offlineleben 2.0 : Der Letzte macht das Licht aus

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Offlineleben 2.0 : Der Letzte macht das Licht aus

Es war einmal vor langer Zeit, in Hundejahren gemessen, da erfand jemand das Internet. Schnell entwickelte sich ein Hype, denn zugegebenermaßen war dieses neue Internetding wirklich praktisch. Es weitete nicht nur die Großstadtanonymität weiter aus, man konnte dort auch alles noch schneller Nachschlagen, Einkaufen und die dadurch gewonnene Zeit auch direkt wieder umsetzen, indem man sich mit niedlichen kleinen Spielchen beschäftigte.

Im Jahr 2009 sieht die Internetnutzung anders aus, hat sich verschnellert, erweitert und auf alle Lebensbereiche übergegriffen. Doch auch offline hat sich einiges getan, teils unbemerkt, teils willentlich. Wer in den 90ern schon richtig Ahnung von Computer und dem sich entwickelnden Netz hatte, galt als Stubenhocker, Nerd, der bei Mama im Keller seinen Technikkram stehen hatte.

Wer heute keine Ahnung von beidem hat, ist jedoch wesentlich weiter abseits als die andere Seite vor Jahren. Denn kein Arbeitgeber wird einen Sachbearbeiter einstellen, der nicht schnell und zuverlässig Dokumente tippen, Datenbanken ordnen und das Ganze per Intranet und Mail an die Verwaltung schicken kann.

Und wieso sollte er auch, denn diese rare Gattung „Ist doch bloß ein Techniktrend, der geht auch wieder vorbei“ ist fast ausgestorben, zumindest in unseren Gefilden.

Rentner holen in Computerkursen nach, was sie verpasst haben. Kleinkinder sind schneller im Netz unterwegs als ihre Eltern Firewalls und wirkungslose Kindersicherungen einrichten können, und wenn man in der Freizeit seinen Offlinefreunden etwas zu sagen hat, dann geht auch das natürlich nur online. Gesetz dem Fall, jemand ist absolut nicht online, kann man ihm ja auch online auf dem Offlineweg (z.b. mit diversen „online Postkarte erstellen, wird per echtem Postweg verschickt“ Anbietern) Nachrichten zukommen lassen. Und dabei waren Telegramme immer so stilecht im guten alten letzten Jahrhundert. Und Briefe erst. Und das man sein Telefon mal nicht mehr wirklich nutzen würde, hätte man auch nie vermutet.

Und nun die Differenzierung, denn wofür nutzen denn heutzutage alle PC und Internet?

Nun, die meisten Menschen, die einer Arbeit nachgehen, verbringen wohl den Großteil ihrer Arbeitszeit an beidem. Eine schöne Frage im übrigen, ob es denn dann eventuell nicht einfach nur Gewohnheit ist, die sie dazu treibt auch nach Feierabend weiter online zu bleiben, und auch den Rest des Tages auf die virtuelle Ebene zu verschieben.

Doch parallel hat sich auch offline einiges getan. Es gibt, und das sage ich als überzeugter Pendler zwischen beiden Gebieten, eine neue Übervielfalt, wie genau man seine freien Stunden verbringen kann – und keiner nutzt sie.

Nie zuvor gab es so viele Freizeitangebote von hunderten Trendsportarten bis zu Vereinen für jedes noch so kleine Hobby. Neulich morgens im Zoo kam mir gar eine riesige Gruppe von Kinderwagenschieberinnen entgegen, die sich offenbar zu einer sehr großen Mutter-Kind-Gruppe zu einem Rudel zusammengeschlossen hatten. Sozusagen die „Mütter mit Kinder unter einem Jahr, die gerne morgens bei schlechtem Wetter Zoos besuchen“-Gruppe. Nordic Stalking auf vier Rädern.

Und wer nutzt den Glasperlen-Bastelverein und die Haushaltsroboter-Entwurf-Gruppe? Menschen, die nicht online sind? Nein nein nein, diese Gruppen werden von Menschen frequentiert, die versuchen sich eine Offlinebasis aufzubauen oder chronische Technikverweigerer sind. Technik im Sinne von „Bildschirme auf denen Dinge laufen, die sie nicht verstehen“. Es sind übrigens auch diese Menschen, die noch Printmedien außerhalb von Tageszeitungen erwerben und konsumieren.

Und auch hier, bei den Medien, gibt es eine Auswahl wie nie zuvor. Ein Zeitungskiosk verkauft mittlerweile so viele hundert verschiedene Magazine, dass der Normalbürger der nach etwas bestimmtem sucht eigentlich immer einen Fingerzeig benötigt, hinter welchem Stapel sich seine Zeitung verbirgt. Es gibt heute nicht mehr nur Haustiermagazine sogar gesonderte Zeitungen zu den Themen: Hunde, Rassehunde, Katzen, junge Katzen, Rassekatzen, Reptilien,

Amphibien, Schlangen (natürlich gesondert), Vögel, Papageien, Fische, Salzwasseraquarien, Aquaristik allgemein etc. Natürlich, als Halter freut man sich, wenn man spezialisierte Magazine übers eigene Haustier erwerben, kann aber braucht es das wirklich?

Ebenfalls „offline“ in dem Sinne sind natürlich auch Unterhaltungsmedien wie TV und Radio, die zugegebenermaßen schon noch genutzt werden. Wobei das Fernsehen auch so langsam ausdient in den Haushalten, die Internetzugang und ein klein wenig Ahnung von dessen Benutzung haben. Alles so „altmodisch“. Hundert Sender, die aber je nur eine Sendung gleichzeitig bringen. Nur 100 Sendungen zu jeder Tageszeit zur Auswahl – „wir brauchen mehr“. Das Internet lässt tiefer blicken, denn es gibt zehntausende Filme der letzten Jahrzehnte, die man stattdessen schauen könnte, hunderte Serien weltweit. Wer braucht da noch Fernsehen.

Wer braucht überhaupt noch irgendetwas? Wären da nicht so blöde Grundbedürfnisse wie Essen und Schlafen, man könnte glatt online leben – nicht wahr? Und würde man das wollen? Würden Sie persönlich ihr „fades“ Offlineleben gegen die bunte Welt des Internets tauschen wollen? Endgültig? Nun denn, so sei es. Der Letzte, der das Offlineleben hinter sich lässt, mache das Licht aus. Den Strom braucht ja auch eh der Laptop-Akku.