2009 Schöner, schlanker, pickelfreier : Das Visuelle im Sozialen

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Schöner, schlanker, pickelfreier : Das Visuelle im Sozialen

Im Netz sind alle schön. Nun gut, nicht alle. Aber sie könnten. Sie könnten auch im Alltag, aber da mit wesentlich mehr Aufwand und überhaupt unnötigerweise – denn heute muss man nicht mehr, um so zu scheinen.

Als im 19ten Jahrhundert die ersten Schritte in Richtung wirkungsvolle Fotografie getan wurden, kam vermutlich gleichzeitig der Trend zum temporären Makeup hin auf. Und zwar temporär für die Sekunde, wenn man vor die Kamera trat. Und vor die Kamera trat man in der Regel einmal im Jahr. Mit der gesamten Familie oder zu besonderen Anlässen trug seinen besten Anzug und puderte sich, wo es nur ging, um auf dem Jahresfoto gut auszusehen. Das Abdrücken des Fotografen erfolgte nur wenige posierte Stunden später und wer die Augen auf dem Bild gerade geschlossen hatte, musste wohl davon ausgehen, das halbe Monatsgehalt umsonst verpulvert zu haben und nicht in der Wandgalerie zu hängen.

Natürlich gab es auch damals schon Menschen, die an den Fotos herumdokterten. Um das Schlimmste zu verstecken, verschönern oder den Typen mit den geschlossenen Augen einfach aus dem Bild zu schneiden, aber an wirkliche schnelle Bildbearbeitung war noch nicht zu denken.

Bildbearbeitung. Das ist, wenn man ein Foto heller oder dunkler macht, um Kontraste besser zur Geltung kommen zu lassen. Denn die Realität kommt leider irgendwie immer farblos daher. Und Sonnenuntergänge sehen grundsätzlich auf Fotos immer irgendwie … pastellfarben aus, finden Sie nicht auch? Wenn Sie jetzt nicken, nutzen Sie Bildbearbeitung wirklich und ausschließlich nur, um die Palmen auf den Urlaubsfotos grüner und die Pflanzen roter zu machen, das Meer blauer und. Ja was glauben Sie eigentlich, wie Hollywood ohne Bildbearbeitung aussähe?

Doch halt, wir wollen gar nicht bis zur Werbung und Publicityfotos gehen. Wir sehen uns einmal in Social Networks um. Falls Sie dazu neigen, Onlinebegriffe nie richtig einordnen zu können werfe ich ein kurzes „Facebook“ und „Myspace“ in die Runde, denn gerade dort verbergen sie sich – die visuellen Helden. Während man sich auf Plattformen wie „StudiVZ“ noch mit der Nachbearbeitung zurückhält, denn Freunden und Bekannten würden der dunklere Teint und die eigentlich wässrig blauen aber plötzlich strahlend türkisen Augen noch eher auffallen, langt man bei Myspace gern mit ganzen Händen in die Trickkiste von Photoshop und Co. Wie das aussieht, werden Sie fragen. Und das mit Recht.

Folgen Sie einmal folgendem Experiment. Sie besuchen Myspace.com und geben in die Suchleiste rechts oben „Schatzi“ ein. Sie sollten nun vor dutzenden Seiten voll Ergebnisse für diesen originellen Nutzernamen sitzen. Ihnen wird etwas auffallen. Ganz sicher. Wenn nicht, möchte ich hier noch einmal kurz Dinge umreißen, die einem theoretisch auffallen könnten.

1) Alle Menschen sind schön. Die Herren auf den Fotos der Nutzer so wie die Damen. Und die recht jungen Damen. Und Herren.

2) Cat content (fachl.: Katzenfotos, -videos und alles, was auch nur im Entferntesten mit Katzen zu tun hat) überschwemmt das Netz

3) Die Leute neigen dazu, die Kamera in für sie ungünstige Fotowinkel zu halten

4) 80% der Fotos sind mit Selbstauslöser oder allein fotografiert.

Ja. Bildbearbeitung kann sinnvoll sein. Nein, sie ist nicht notwendig, außer man ist so grauenhaft entstellt, dass man sich bei Tageslicht nie und nimmer aus dem Haus trauen könnte, sollte und wollte. Aber diese Menschen, die sich da retouchieren, umbasteln und „optisch neu erfinden“ verlassen das Haus – von Zeit zu Zeit. Und dann, und das möchte ich noch einmal extra stark umranden, betonen und unterstreichen (verbal) – ist die ganze Bildbearbeitung nichtig.

Und wer ist schuld? Das Internet? Der Nutzer? Die Gesellschaft? Die Werbung? Wir wollen die Schuld zu gleichen Teilen verstreuen, denn zuletzt entscheidet jeder für sich ob er sich so unansehnlich findet, dass er stundenlang auf diversen Bearbeitungsebenen das Beste, aber leider nicht vorhandene, aus sich heraus holt. Das war kein schlechter Winkel, da ist ein Doppelkinn. Der Pickel ist nicht heute gerade mal zufällig auf dem Bild erschienen, er prangt da schon drei Wochen und man hätte ihn auch manuell statt online entfernen können.

Haben wir so ein schlechtes Bild von uns oder belügen wir uns tagtäglich so sehr, dass wir uns glauben, so auszusehen wie unser Nutzerfoto?