2010 Das Theater rund ums Leipziger Theater

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Das Theater rund ums Leipziger Theater // Eine (kurze) Streitschrift

Kann Theater ein Streitpunkt sein? Und was ist mit Theater, kann es ein Streitpunkt sein? Dem schlechten Wortwitz zu Trotz kann es das tatsächlich. In den anderthalb Jahren seit Sebastian Hartmann hier in Leipzig das Stadttheater-Ruder übernommen hat, ist die Diskussion um eine Frage nie verstummt: Was ist gutes Theater? Im gleichen Zeitrahmen sind hunderte selbsternannte Kulturexperten wie Pilze aus dem Boden geschossen. Jeder hatte plötzlich eine Meinung dazu, welche Art Theater zukunftsträchtig sei und selbst diejenigen, die vorher noch nie das Haus betreten hatten, outeten sich als Fans des vorherigen jahrzehntelangen Intendanten Engel.

Die Diskussionsgrundlage ist typisch für die Stadt an sich aber auch für das Kulturgeschehen der letzten Jahre. Denn so sehr sich die Stadt zuerst gegen den neuen Intendanten sträubte, desto mehr wehrte sie sich kurz darauf gegen den neuen Kulturbürgermeister, welcher öffentlich zuerst ebenfalls als Gegner des Centraltheaters auftrat. Die Medien bauten innerhalb eines Jahres zwei feste Standbilder der „Kontrahenten“ und die Theaterfrage geriet in Vergessenheit bzw. wurde nur noch von persönlichen Personenmeinungen bestimmt. Man musste die Inszenierungen nicht einmal gesehen haben, um zu wissen, wie die Kritiken ausfallen würden. Zumindest innerhalb der Stadtmauern, denn ausserhalb wurde der Konflikt so nicht wahrgenommen.

Das Centraltheater behielt während der Mediengefechte, die ohne jegliche Beteiligung und nur über Kritiker und Leserbriefe stattfanden, einen klaren Kopf und etablierte sich klammheimlich auf seine Art. Das Publikum wandelte sich und auf der zweiten Zuschauerkonferenz wurde ganz richtig festgestellt: Die Altersgruppe um die 40-50 fehlte zunehmens. Sie wurde ersetzt durch die Jungen, 16-25, die vorher das Theater nicht einmal betreten hatten. Konzertbesucher, denn das Haus wartete mit einem neuen Interesse für viele viele Konzerte auf von Künstlern, die die Stadt sonst nie betreten hatten. Und über 50-Jährige, die sich zwar schon immer für Theater interessiert hatten aber das „neue“ „frische“ Geschehen nun mit mehr Interesse denn je verfolgten. Dieser Wechsel kostete unter anderem Abonnenten, denn die hatten den Zwischenraum ausgemacht.

An den fehlenden Abonnenten hing sich dann das Kulturdezernat wieder auf, strich dem Haus nun dieses Jahr einige Millionen Budget. Dabei wurde vergessen, dass die Skala, der kleine junge Ableger in dem Schauspielstudenten und Angelernte werkeln und das Spinnwerk, die Spielstätte für Jugendliche, schon vorher finanziell schlecht da standen aber immer noch zum Haupthaus gehörten. Das Geld wurde also letztlich dem Nachwuchs gestrichen.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Was ist gutes Theater?

Das Publikum der Stadt hat sich diese Fragestellung in der vergangenen Zeit individuell und streitsüchtig beantwortet. Sachliche Diskussionen waren kaum mehr möglich. Zu schnell urteilte die eine Seite ab und bezeichnete die Befürworter als „Hartmann Fanclub“ während die andere darauf oft mit der Feststellung reagierte, man sei ja auch nicht für Alles. Aber die Gegnerfraktion habe einfach keine Ahnung. Selbsternannte Experten vs. Selbsternannte Experten. Und dann waren da noch die Finanzexperten, die einfach nur aufrechneten. „Wenn heute ein Besucher mehr sein Abo kündigt und morgen jemand seine Platzkarte nicht abholt, dann ist das Theater nächstes Jahr leer.“ tönte es da gar. Natürlich. Natürlich nicht!

Irgendwie legte sich der aufgewirbelte Staub aber auch. Die Zeit titelte zum Thema Kulturbürgermeister Michael Faber „Nur ein Seufzer“ und kommentierte damit das erloschene Interesse an Äußerungen

Zum Thema Centraltheater, die die Medien eine Weile lang aufschnappten, ausgruben und geschickt platzierten – einen beachtlichen Zeitraum auch ohne Klarstellung seinerseits. Und irgendwie passt die Betitelung, denn niemand regt sich mehr auf. Es ist so still geworden. Allein die Erwähnung brachte einem vor einigen Monaten noch ein stundenlanges Gespräch mit Fremden ein, jeder hatte eine Meinung zum Amtsantritt des „Neuen“. Und nun? Naja, er ist halt da und arbeitet und irgendwie geht alles seinen Gang wie beim Vorgänger.

Und auch im Centraltheater läuft alles wie gehabt. Gut, ein bisschen Gemurmel hier und da über die sieben Ensemblemitglieder, die zu Ende der Spielzeit das Haus verlassen aber generell ist die Publikumsstimmung doch gesetzt. Die, die sich mit den Inszenierungen nicht abfinden wollen, keifen leise vor sich hin und die, die sie lieben, erzählen es im Freundeskreis herum. Eine kurze Welle von empörten Leserbriefe streifte neulich die Tageszeitung – offenbar hatte man dort eine Weile gesammelt und dann in einem Schub die bösesten Exemplare veröffentlicht – aber auch das ebbte wieder ab.

Die Inszenierungen kommen und gehen, gestern noch war Sophie Rois „Medea“, heute ist Maximilian Brauer in „Hunger“ der Gefeierte, der o so mutig auf der Bühne onaniert. Als Costes zu „Sex.macht.Musik“ Gleiches tat, interessierte es eher wenig aber neu ist halt neu und „So was haben wir ja noch nie gesehen“ bewegt halt einige zu einem „Das ist ja großartig!“.

Was ist denn nun gutes Theater? Ist gutes Theater, wenn es zum Streit anregt? Hat irgendwer das Recht, anderen vermitteln zu wollen, was nun gefälligst definitiv gutes Theater ist, was Hochkultur und was nicht sehenswert? Da entscheidet ja wohl die persönliche Meinung.

Noch ein halbes Jahr und niemand interessiert sich mehr für den Theaterstreit in Leipzig, schon gar nicht überregional. Vielleicht gewinnt Hartmanns Kirschgarten den ein oder anderen Preis, alles wünschenswert, klar. Vielleicht folgen Inszenierungen, die das Leipziger Publikum noch einmal anstachelt oder zu Tode langweilt. Vielleicht läuft aber auch alles nur nebenher und die Zuschauer gehen aus Gewohnheit ins Centraltheater und hinterher in den „Piloten“. Diskutieren aus Gewohnheit die internen Probleme des Hauses oder die Budgetkürzungen, Maximilian Brauers Nacktheit und Gastregieleistungen. Vielleicht wird ja auch alles ganz anders. „Vielleicht – vielleicht auch nicht“.