2010 Neue Moral und alte Perversion

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Neue Moral und alte Perversion

„Perversion, (lat. perversio „die Verdrehung, die Umkehrung“) bezeichnet eine stark bis sehr stark den vorherrschenden Moralvorstellungen, häufig im Bereich des Trieb- und Sexualverhaltens, entgegenwirkende Tat. (…) Der Ausdruck „Moral“ bezeichnet meist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen, sofern diese wiederkehren und sozial anerkannt und erwartet werden.„ (Wikipedia)

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich ihre Moralvorstellungen praktisch täglich neu zusammen sammelt, wie sie gerade benötigt werden. Doch Moral und die Abweichungen davon, Verletzungen der vorherrschenden Konventionen gibt es seit Beginn der Gesellschaftsbildung. Und etwas läuft falsch in der Etikettierung der Begriffe, unbemerkt von denen, die sie täglich nutzen und leben.

Vor einiger Zeit kam in einer Diskussionsrunde, in der ich mich befand, eine Frage auf. Wo beginnt für die Menschen von heute die Perversion eines Zustandes. Man sollte meinen ein meist so allgemeiner Begriff ließe sich schnell und einfach besprechen und man könne sich auf einen Faktor einigen. Denn wenn die Perversion eine Verletzung der allgemeinen Moralvorstellungen in dem Sinne sei dann müsse man ja nur diese nehmen und umkehren. Richtig?

Jede Moralvorstellungsdiskussion beginnt aus irgendeinem Grunde im sexuellen Bereich. Wie moralisch ist das Einbinden eines Erotikbanners auf einer Website für Kinder? Und wieso ist das verwerflich aber Models in gänzlich transparenter Wäsche können auf überdimensionierten Plakaten vor dem Kindergarten prangen? Und wieso fängt Moral für die meisten Menschen nicht bei den Mitbürgern an sich an? Ach ja, Mitmenschen. Gemeinschaft. Da war doch was.

Moral wird gesamtgesellschaftlich und dann noch einmal im Kleinen definiert, meist zusammengesetzt aus vorherrschenden Meinungen, die auf die persönliche Situation bezogen werden. Unterstelle ich. Ich kenne niemanden, der seine Moralvorstellungen im Sinne der Perversion vollständig ohne Zutun der Gesellschaft und zum Nachteil dieser getroffen hat. Selbst der Manager der das Geld von Millionen Anlegern für sich selbst verjubelt hat irgendwo ganz tief in sich eine altbackene Moralvorstellung vergraben. Vielleicht besucht er an Feiertagen seine Mutter im Altersheim – auch das ist Moral im Kleinen.

Man muss kein lammfrommer Pazifist sein, um zu erkennen, dass auch gesellschaftlich anerkannte „Problemthemen“ wie Kriege, Hungersnöte und Armut reine Perversion sind, im 21ten Jahrhundert, in dem einzelne Menschen 90% der Geldressourcen der Welt zur Verfügung haben. Geld an sich – aber das würde zu weit führen.

Und doch fallen zuerst sexuelle Tabuthemen ins Auge der Moralbetrachter. Ein Beweis dafür, wie missbraucht der Begriff in unserer heutigen Zeit eigentlich ist in der doch alle so auf-und abgeklärt handeln und scheinen. Mit Fremdwörtern um sich werfen ist einfach, seinen jugendlichen Kindern etwas von Moral erzählen sowieso. Und zwischen Kaffee und Abendessen kann man sich auch kurz über Perversionen entrüsten, ohne zu sehen, dass dieses Verhalten zu eben diesen wird, wenn man es exzessiv pflegt.

Und, liebe Mitdiskutierende: Wenn man schon bei sexuellen Perversionen angekommen ist, weil man sich um die wichtigen Themen nicht so gerne kümmert, verdammt unbequeme Wahrheiten; wieso lautet das Hauptargument in diesem Punkt „Gab es doch alles schon in der Antike“, während man an anderer Stelle (Werbeplakate) argumentiert, wir wären doch im 21ten Jahrhundert angekommen, in dem dies nun einmal Gang und Gebe sei?