2010 No time for revolution

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

No time for revolution

Wir stehen morgens auf, bewegen uns auf Arbeit oder gehen diversen Haushaltstätigkeiten nach, essen etwas und finden uns schon wieder an der Schwelle zum Bett, um uns auf den nächsten Tag vorzubereiten. Wir haben. Keine. Zeit. Keiner von uns. Aber wofür geben wir die täglichen 24 Stunden aus?

Der durchschnittliche Europäer schläft, je nach Herkunftsland, 8 bis 9 Stunden am Tag. Die restlichen durchschnittlichen 15 Stunden fragen wir uns, wo die Zeit so schnell hin verfließt. Beim Schlafen kann man nichts kürzen, es ist ein Fakt, dass wir ein Drittel unserer Lebenszeit verschlafen, aber es lässt sich nicht ändern. Natürlich kann man auch hier in diversen Berufsgruppen in kürzester Zeit auf Höchstleistungen von bis zu 4 Stunden täglicher Schlafreduzierung getrimmt werden aber dies fordert körperliche Tribute.

An anderer Stelle sind wir dafür bereit, immer mehr Abstriche zu machen. Väter stehen ihrem Nachwuchs unter 16 Jahren demnach durchschnittlich nur noch 2 Stunden pro Tag überhaupt zur Verfügung, ob diese Zeit dann ausgeschöpft wird, sei zu bezweifeln. Bei berufstätigen Müttern sind es immerhin noch um die fünf Stunden aber gerade da knüpft der schon oft erwähnte Medienkonsum an. Zeit verbringen heißt heute nicht mehr Zeit verbringen.

Ich erinnere mich an Zeiten, als in Familien noch Brettspiele gespielt wurden an verregneten Nachmittagen und Wochenenden. Bis vor einiger Zeit war es sogar noch völlig normal, abends gemeinsam um einen Tisch herum zu essen. Das Couchtische sich nur sehr begrenzt zum Essen eignen da man sich meist unverhältnismäßig weit hinunter beugen muss um den Teller zu erreichen. Diese Erfahrung dürfte jeder schon einmal gemacht haben, und wenn zum Essen weg von Computer und TV keine Zeit mehr bleibt – zu was dann?

Denn Essen, das war bis vor wenigen Jahren ein nicht unwesentlicher Freizeitfaktor. Man nahm sich dafür nach der Arbeit Zeit, wenn man schon bei der Arbeit auf Fastfood und Fertiggerichte zurückgriff. Heute muss selbst das schnell gehen, denn wir haben ja keine Zeit.

Es ist – und das lässt sich nicht verleugnen – das Internet, das zumindest die Deutschen, gefangen hält.Über die Hälfte aller für Studien befragten Erwachsenen gab im letzten Jahr an, mehr als 3 Stunden in ihrer Freizeit, die für gewöhnlich circa 6 Stunden neben der Arbeit aus macht, am PC zu verbringen. Zwanzig Prozent der Befragten gaben gar an, den Computer bis zu fünf Stunden zu nutzen.

Was machen wir mit der restlichen Stunde? Klo, Duschen, und wieder zurück ins Bett, um den nächsten Tag ganz ähnlich zu verbringen. Das sind Zahlen, die sollten zum Nachdenken anregen. Denn auch wenn man heute praktisch alles am PC erledigen, kann bis hin zu Einkäufen, Freunde treffen und Nachrichten verfolgen – ein Ersatz für frische Luft und verbale Kommunikation ist er – nur begrenzt.

Im Sommer werden mehr denn je Menschen mit Laptops, Netbooks, technischem Spielzeug und Kamerahandys die Straßencafés füllen. Auch um ihrem Körper wenigstens ein wenig das Gefühl der Freiheit zu verpassen und sich die viele Photoshop-Arbeit dank der bleich, blassen Hautfarbe des Stubenhockers zu ersparen. Neben ihnen werden sich auch Offlinemenschen finden, die einfach nur ihren Kaffee trinken und dabei vielleicht sogar Menschen treffen. Was machen die wohl anders? Denken Sie mal drüber nach.