2011 Der Tag an dem ich kein Paläozoologe mehr werden wollte

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Der Tag an dem ich kein Paläozoologe mehr werden wollte

Kindheitsträume. Wir alle haben einen Plan im Kopf. Wenn ich mal groß bin, dann werde ich Doktor, Feuerwehrmann, Ballerina, Schauspieler, Schriftsteller, Dinomann. Ich gehörte der „Wenn ich mal groß bin, werde ich Paläozoologe mit Schwerpunkt auf den Vertebraten des frühen Neogen“-Fraktion an. Ich konnte das recht genau spezifieren, eigentlich ging es mir nur um die Fauna des frühen Pliozän, also des Piacenzium. Kein Wort verstanden? Nicht so schlimm, meine Umwelt auch nicht. Kurz: Ich wollte Dinomann werden, nur ohne Dinos. Eigentlich interessierte ich mich mehr für die Dromornithidae, diese jedoch lebten im ausgehenden Pleistozän und … ich versuch’s mal auf Deutsch.

Als ich ein Kind war, bestand ein großer Teil meiner Freizeit daraus, Bücher über ausgestorbene Tiere zu lesen. Von den bekannten Dinos, bis zu den weniger bekannten ersten Mehrzellern. Später in meiner Jugend kamen Fachbücher dazu, die großen Standardwerke des Paläontologiestudiums, ich las sie alle. Irgendwann spezialisierte ich mich auf die Dromornithidae, zu Deutsch Donnervögel. Das alles hatte den näheren Sinn, dass ich irgendwann in genau diese Richtung studieren wollte. Meine Biologienoten waren zwar nie sonderlich toll, aber dafür hatte ich ja alles Fachwissen bereits verinnerlicht und das musste ja wohl auch etwas zählen.

Dann beschäftigte ich mich mit Darwin. Ich beschäftigte mich mit Leben und Werk des Mannes, der über 20 Jahre seines Lebens darauf verwendet hatte, eine Theorie zu formulieren. Und das blieb sie auch, eine Theorie, die er nie vollständig untermauern konnte, die aber auch niemand je wirklich widerlegte. Und so ging Darwin als die einzig richtige Wahrheit in die Geschichte ein. Und irgendwann, sozusagen eines schönen Morgens dachte ich bei mir: Schaust du dir mal objektiv und unvoreingenommen eine der bisher heiß geliebten Dokumentationen an.

Die BBC verwendet ja seit Jahren Millionenbudgets, diese unterhaltsamen Dino&Co-Dokus zu drehen, in denen man entweder mit den großen Echsen unterwegs ist oder von einem aufgeregten Forscher zwischen ihnen herum geführt wird. Die Technik ist umwerfend, man glaubt, man schaue eine wirkliche Tierdokumentation. Dabei sollte man eines im Hinterkopf behalten: Es gibt viele Arten, von denen bisher nur ein einziger Schädel gefunden wurde, oder weniger. Diese Arten wurden von Paläontologen geschätzt und in etwa so nachgebaut, dass sie Sinn ergeben. Biologischen Sinn. Kann das konstruierte Tier laufen und fressen? Dann haben sie bei der Rekonstruktion alles richtig gemacht.

Nun betrachten wir das menschliche Skelett in Zusammenhang mit dem menschlichen Verhalten. Lassen wir mal den halben Teil weg, vielleicht die Arme und den Brustkorb. Und nun setzen wir es logisch zusammen und schlussfolgern daraus, wie der zugehörige Mensch sich lebendig wohl verhalten hat. Wir sehen: Wir haben keine Ahnung. Gut, anhand des Gebisses kann gesagt werden, er war Vegetarier wenn er es denn war. Finden wir nur dieses unvollständige Skelett, muss daher angenommen werden, der Mensch war Vegetarier. Und da er nicht jagen musste, kann er auch kurze Stummelärmchen gehabt haben. Oder gar keine – er war ja Vegetarier – und groß gewachsen, um an Früchte von Bäumen zu kommen. Man nimmt an, er hat sich nur zum Fressen auf die Hinterbeine gestellt.

So oder so ähnlich rekonstruieren Forscher sowohl Dinosaurier als auch Säugetierskelette. Selbst wenn das Skelett völlig vollständig vorhanden ist – und das ist es in nicht einmal 5% aller Funde – sagt es einfach so gar nichts über die Lebensweise. Darum wird mit lebenden Tieren verglichen. Ein Strauss ist jedoch kein Raptor und war es auch nie. Er ist noch weniger ein Donnervogel, denn die waren biologisch gesehen Gänse. Und eine Gans misst keine drei Meter und jagt große Säuger.

Letztlich beruht die Arbeit der Paläozoologen – so wie vieler anderer Wissenschaftler – also auf Glauben, Hoffen und Annehmen. Ich nehme an, dieser Vogel konnte 40 km/h schnell laufen denn sein Knochenbau würde es zulassen. Ich nehme an, Albertosaurus hat Brutpflege betrieben. Ich nehme an, Raptoren konnten kommunizieren und ich glaube, Tyrannosaurus Rex könnte doch eher Jäger als Aasfresser gewesen sein. Aasfresser. Jäger. Aasfresser. Vegetarier. Aasfresser. Ich kann mich nicht entscheiden aber irgendetwas muss in die Standardausgabe des Nachschlagewerks für dieses Jahr. Aasfresser mit Tendenz zum Vegetarismus, vielleicht auch Jäger.

Irgendwann kam also der Tag, an dem ich beschloss: Ich möchte nicht ein Leben lang mit Rätseln und Schätzen verbringen, das war der Tag, als ich kein Paläozoologe mehr werden wollte.