2011 Gestützte Selbstzweifel ohne -reflexion

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Gestützte Selbstzweifel ohne -reflexion

Unsere heutige Gesellschaft baut auf unseren Zweifeln am eigenen Können auf. Anzeichen dafür finden sich im Gesamtbild der Arbeitssituationen, im Alltag, in den vorgespiegelten Moralvorstellungen und der materialistischen Gedankenstrukturen, die sich in Werbung und Unterhaltung niederschlagen. Wir zweifeln an uns, teils völlig grundlos, weil wir es so gewohnt sind.

Selbstreflexion ist ein völlig normaler Prozess, der beginnt, sobald man sich seiner selbst in irgendeiner Form bewusst wird. Bereits als Kleinkind nehmen wir uns als handelnde Person wahr, erkennen uns im Spiegel wieder und betrachten uns kritisch. Selbst der größte Narzisst hat irgendwann einen Punkt, an dem er über mögliche Modifikationen am Ego nachsinnt. Auch wenn er vielleicht am Ende des Denkprozesses wieder an der Stelle steht, an der er sich einredet, es gäbe generell an ihm nichts zu verbessern. Der Durchschnittsmensch betrachtet sich meist etwas aufmerksamer, wird auf viele kleine Makel aufmerksam und rutscht schnell von Reflexion direkt in die Kritik, den Selbstzweifel hinein.

Die heutige Gesellschaft spielt mit diesen Zweifeln tagtäglich und es ist praktisch unmöglich, dieser unlogischen Meinungsbildung von außerhalb zu entgehen. Denn wenn keiner den Kreislauf der Zweifel, denen er aufsitzt, erkennt, kann ein Einzelner ungünstig den ganzen Planeten überzeugen, dass irgendetwas in der Entwicklung des Selbstbildes schief gelaufen ist. Die Zweifel beginnen bei Äußerlichkeiten und enden mit psychischem Druck auf die eigene Denkweise, gefährliche Selbstzweifel angeführt von ungesundem Drängen der Umwelt.

Die Psychologie zum Beispiel sieht Depressionen, Gemütsschwankungen und Motivationsprobleme gern als Defekt in der menschlichen Psyche an. Was würde also näher liegen, als dass der vielleicht mit Grund depressive Mensch sich selbst als „gestört“ betrachtet. Dieser Selbstzweifel löst andere Symptome aus, die ihn als noch „kränker“ ausweisen. Würde die Gesellschaft stattdessen diese Charakterzüge und Lebensphasen als normal ansehen, würde sich der Mensch weiterhin integriert und normal fühlen. Die Selbstzweifel würden in diesem Maße nicht aufkommen, die Depression wäre schneller vorüber, als sie im Entwickeln war.

Wenn wir morgens aufstehen, denken wir unabhängig des Wetters doch tatsächlich darüber nach was wir anziehen sollen. Wollen wir einen guten Eindruck bei den Kollegen machen, weil wir eventuell unser Tagespensum an Arbeit wieder einmal nicht schaffen und wenigstens optisch auffallen sollten? Würde die Gesellschaft uns nicht suggerieren, dass Kleidung generell das Bild eines Menschen mehr prägt als der Mensch an sich. Uns könnte es egal sein, welches Hemd wir tragen, ob wir hochhackige Stiefel oder Turnschuhe anziehen. Ohne die gesellschaftlich eingedroschenen Selbstzweifel würden wir auch nicht durch den Tag hetzen um mehr aus uns heraus zu holen, als man eh schon von uns verlangt.

Selbstzweifel sind in diesem äußerlich einfließenden Bild nur ein weiteres Instrument der Kontrolle. Solange die Menschen von Zweifeln an sich selbst geplagt sind, zweifeln sie weniger an ihrer Umwelt. Sie zweifeln weniger an Nachrichtenerstattung, Gesellschaftsbild, Mitmenschen, Meinungsbildung durch zweifelhafte Medien statt Information.

Während die eigenen durch Reflexion erreichten Selbstzweifel bestehen dürfen, denn sie helfen uns, uns zu verbessern im Sinne unserer eigenen Persönlichkeit, müssen die von außen einströmenden Zweifel abgeschottet und beiseite geräumt werden, im Kern zerschlagen und auf die Erzeuger dessen zurückgeworfen werden.