2012 Automatische Reflexe und Vorurteile : Wie wir andere Menschen wahrnehmen

Samael Falkner

Automatische Reflexe und Vorurteile : Wie wir andere Menschen wahrnehmen

Ein Verbrechen am Charakter, wer nach dem Äußeren urteilt. Aber sehen wir nicht zuerst, bevor wir einen Menschen näher wahrnehmen? Was erstellen wir anstatt des äußeren Profils auf den ersten Blick? Mit allen Sinnen wahrnehmen heißt hier das Motto. Oberflächlichkeit, Ausgrenzung, das Gesamtbild unseres Gegenübers auf den Punkt gebracht – wie entscheiden wir, mit wem wir uns näher befassen wollen und haben wir wirklich eine moralische Verpflichtung, uns den natürlichen Instinkten zu widersetzen?

Heute ist bekannt, dass unser Geruchssinn noch Sekunden vor dem visuellen Wahrnehmen, ein Bild unserer Gegenübers erstellt, bestehend auf dessen Physis. Wir können, wenn auch passiv, sofort entscheiden, ob wir jemandem gegenüber positiv eingestellt sind, ihn „riechen können“. Unser Geruchssinn orientiert sich dabei jedoch nicht an Parfümstoffen sondern an Signalen des Körpers. Unsere Poren sondern den ganzen Tag, egal ob jemand reinlich ist oder nicht, Schweißpartikel ab.

In diesen Partikeln ist festgehalten, ob wir gesund sind, wie wir uns ernähren, auch Drogen können und werden über unseren Schweiß nachgewiesen. Wir riechen also zuerst einmal das Leben unseres Gegenübers. Da hinein mischt sich natürlich offensichtlicheres: Raucht derjenige, wäscht er sich regelmäßig, ist seine Kleidung sauber, in was für einem Umfeld hält er sich auf, ect. Diese Mischung sagt uns, ob derjenige zu uns passt. Sind wir selber Raucher, wird uns z.B. dieses Merkmal nicht stören, duschen wir nicht mehrmals täglich – was ohnehin ungesund ist – werden wir auch unbewusst keinen (desinfektions)sterilen Mitmenschen suchen.

Für uns gleichzeitig, jedoch eigentlich um Millisekunden versetzt, nehmen wir das Gegenüber optisch wahr. Rein wissenschaftlich betrachtet bevorzugen wir folgende Merkmale: Ein möglichst symmetrisches Gesicht, gesunde Haut, möglichst große Menschen mit möglichst großen Augen und der ganze Rest richtet sich nach unserem Hormonspiegel und persönlichem Empfinden von Äußerlichkeiten. Legen wir sehr viel Wert auf Kleidung, werden wir unser Gegenüber danach beurteilen, legen wir viel Wert auf eine gepflegte Frisur, werden wir dort zuerst hinschauen. Befindet sich unser Hormonspiegel in einer gesunden Balance, werden wir außerdem dem Geschlecht, welchen wir mehr zugeneigt sind, mehr Beachtung in optischen Dingen schenken. Ist der Hormonhaushalt erhöht, werden wir außerdem auf immer kleinere Details achten, Optik bis zur Perfektion.

Doch der optische Teil setzt sich außerdem aus rein subjektiven Vorstellungen zusammen, wie für uns persönlich ein perfekter Mensch auszusehen hat. Diese Vorstellungen setzen sich aus bewussten Parts wie Entscheidungen und unterbewussten Teilen wie Erfahrungen und Erinnerungen zusammen. Hatten wir als Kind einen Onkel, der uns bei Familienfeierlichkeiten immer nur zurecht gewiesen hat, werden wir einen Menschen, der ihm ähnlich sieht später nicht bevorzugen.

Unser Gehirn speichert im Laufe unseres Lebens jedes einzelne Gesicht, das wir je gesehen haben – von der Supermarktkassierin bis zum ehemaligen Chef. Nur in sehr seltenen Fällen wird eine Information gut verpackt „verdrängt“, wenn sie mit einem besonders negativen Ereignis zusammenhängt, von dem unser Gehirn entscheidet, dass wir damit nicht umgehen sollen und können.

Manchmal kommen uns Menschen also zum Beispiel einfach bekannt vor, weil unser Gehirn Merkmale, die wir kennen, zusammensetzt und vergleicht. Auch das spielt natürlich bei der Erstbewertung unbewusst eine Rolle, eine die wir nicht beeinflussen können, genau wie das Geruchsempfinden.

Der Teil, den wir wirklich selbst bestimmen ist, klein, doch er hat eine große Auswirkung auf unseren persönlichen nächsten Schritt. Wir verbinden mit dem Äußeren eines Menschen sofort Schlussfolgerungen auf seinen Charakter, seine Karriere, seine allgemeine Lebenseinstellung. Zum einen teils logisch, denn verschiedene Lebensstile haben verschiedene Auswirkungen auf das Auftreten einer Person. Wir können, durch Konsum und Werbung sensibilisiert, durchaus abschätzen ob die Kleidung des Gegenübers eher einem niedrigen oder hohen Einkommensstandard entspricht oder andersrum ausgedrückt: Wir können einen Obdachlosen von einem Banker unterscheiden. Der moralisch unlogische, jedoch für uns durchaus selbstverständliche Teil der Bewertung basiert auf Vorurteilen bzw. vorschnellem Urteilen.

Zum Selbstschutz zum einen, wägen wir ab, wie die uns gegenüberstehende Person wohl einzuschätzen ist. Wenn wir abends in einer Gegend mit hoher Kriminalitätsrate von einem vermummten Jugendlichen aufgehalten werden, müssen wir ihn schnell aburteilen, um uns ggf. zur Wehr zu setzen. Wenn der Jugendliche einfach nur den Schal hochgezogen hatte, weil ihm kalt war und er uns nur nach der Uhrzeit fragen wollte, dann war unser Urteil jedoch ungerecht und hat uns keinerlei Nutzen eingebracht.

Wie akkurat ist das Bild, welches wir uns innerhalb von Sekundenbruchteilen zusammen stellen und der schließlich entscheidet, ob wir uns überhaupt auf ein Gespräch einlassen? „Der erste Eindruck ist meist der richtige“ heißt es volkstümlich. Das heißt: Oftmals denkt man, man hätte jemanden zu Unrecht falsch eingestuft, doch wenn man ihn längere Zeit kennt, bestätigt sich dieser erste Eindruck oft. Wir können durchaus dem ersten Reflex vertrauen!

Doch wie bewerten wir nun wirklich? Der physisch ablaufende unterbewusste Teil nimmt laut Forschern bis zu 80% ein. Der bewusst aber nicht gesteuerte gut 15% und nur 5% kann unser Gegenüber in den ersten paar Sekunden des Zusammentreffens durch den Beginn einer Unterhaltung, Gestik und Mimik wirklich mit steuern. Diese 5% werden jedoch auch von ganz offensichtlich oberflächlichen Meinungen unsererseits bestimmt. Wenn ein Mensch nicht „in unsere eigene Welt“ passt, weil er sozial unter uns steht oder nicht zu unserem gewöhnlichen Umfeld gehört, wird er auch aussortiert, wenn der Rest von uns ruft „Ihr würdet gut zusammen passen“.

Grob ausgedrückt heißt dies: Unser Gegenüber hat keine Chance.

Wir projizieren Ängste, Mutmaßungen, Laune und Gesellschaftsbild auf ihn, nur wenn er in eines unserer favorisierten Raster passt, werden wir uns auch nur auf den geringsten Smalltalk mit ihm einlassen.

Ungerecht? Haben wir eine Verpflichtung, jedem Menschen gleich offen entgegen zu treten? Verpflichtung sicherlich, aber das würde uns entmenschlichen. Jedoch – auch in der übrigen Natur werden Mitlebewesen „aussortiert“. Es ist also kein rein menschlicher Zug, Vorurteile zu haben, die jeden Kontakt versagen. Herdentiere verstoßen kranke, alte und schwache Tiere oder nehmen sie gar nicht erst in die Gemeinschaft auf. Andere Arten sehen andersfarbig gemusterte Artgenossen nicht als der gleichen Art zugehörig an, andere suchen gerade die buntesten Partner, die sich am meisten hervortun. Wir können selber entscheiden, zumindest innerhalb der 5%, wen wir in unserem Umfeld haben möchten und wen nicht. Gegen den Instinkt, der uns sagt, ob dieser Mensch dann zu uns passt, kommen wir eh nicht an.