2012 Frei wie nie

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Frei wie nie

Freiheit, ein recht dehnbarer Begriff, ähnlich der Moral. Wollen wir es uns einfach machen, dann bedeutet Freiheit: Ich gehöre niemandem und niemand schreibt mir mein Leben vor. Aber dieses Vorschreiben, kann das nicht auch passiv geschehen? Und was ist mit Gesetzen, die meine Mitmenschen theoretisch vor mir schützen, grenzen diese mich persönlich so sehr in meinen Handlungen ein, dass ich damit nicht mehr frei bin? Bin ich frei, wenn ich arbeiten muss, um mich zu ernähren und wenn ich religiös bin und fühle, dass mich eine übermächtige Kraft täglich in ihre Schranken weist, bin ich trotzdem frei? Freiheit ist relativ.

Menschen fühlen sich frei oder eher nicht, ganz nach ihrer eigenen gewohnten Lebenslage. Ist der Mensch in einem Bürgerkriegsland aufgewachsen, dann bedeutet Freiheit für ihn, wenn er nicht in einer Zelle mit fünfzig anderen Gefangenen einsitzen muss, wenn er irgendwo auf dem Land ein kleines selbst gezimmertes Haus stehen hat, in dem ihn und seine Familie niemand belästigt, keine Armee, keine Rebellentruppen, wenn er unter Umständen einfach ein winziges Ackerländchen bestellt und dazu nicht allzu lange nach Wasser suchen muss.

In den Staaten beginnt Freiheit, wenn man nicht aufgrund seiner Herkunft und seines Standes benachteiligt wird, wenn man seinen Job eine Weile behält und sich nicht mit mehreren kleineren Arbeiten durchs Leben schlagen muss. Wenn man sich abends vorm Fernseher oder mit Freunden zurück lehnt, die eigenen vier Wände. Für einige bedeutet Freiheit auch, ihr Gewehr neben der Tür stehen zu haben und sich sicher zu fühlen im Eigenheim.

In Europa macht man sich seit jeher andere Gedanken zur Freiheit. Hier fragt man sich, ob man nicht auch ohne Arbeit und Gesellschaftsdruck leben könnte. Ich sehe Banner vor mir von Demonstrationen vor einigen Wochen, mit der erschreckend naiven Forderung “Wir wollen nicht arbeiten, wir wollen eine neue Gesellschaft”. Werden hierzulande die Presse-und Meinungsrechte auch nur leicht angekratzt, die in anderen Ländern gar nicht erst vorhanden sind, wir fühlen uns sofort in unserer Freiheit bedrängt.

Jeder, wie er es gewohnt ist.

Aber folgen Sie mir kurz zu dem Gedankenexperiment “Freiheit für alle”, denn jeder möchte nach eigener Betrachtung ständig und uneingeschränkt frei sein. Das ist eine Art Krankheit, die durch die Köpfe der Menschen kriecht, ganz langsam, bis sie nicht mehr klar genug sehen, um ihre Forderungen fallen zu lassen.

Gehen wir hierbei zuerst einmal auf die Freiheit ein, seine Meinung äußern zu dürfen, egal welche. Nehmen wir an, dieser Grundsatz würde gekürzt um die rassistischen und beleidigenden Attribute, jeder kann nun seine Meinung so sagen, wie er sie gerade denkt. Natürlich wären Rassismus und Faschismus das erste, was hierbei wieder aufblühen würde denn, wenn man keine Konsequenzen mehr zu fürchten hat, dann lässt man sich selbst freien Lauf. Jeder, und das behaupte ich, hat schon einmal intolerante oder rassistische Vorurteile geistig formuliert aber aufgrund der vorherrschenden Ordnung nicht geäußert. Denn heute packt uns das schlechte Gewissen, völlig zurecht, und hält uns von derlei zurück. Oft überdenken wir im Laufe des Tages solche Gedanken und auch vermeintlich revolutionäre und stellen fest – So bedeutend waren sie nicht.

Jeder kann also nun seine Meinung äußern wie er möchte, zuerst einmal hier im Lande. Das führt zu Ausschreitungen und Straftaten ABER in unserem Freiheitsexperiment gibt es keine Strafverfolgung. Wegsperren von Kriminellen ist eine eindeutige, natürlich rein rationell logische, Beschneidung der Freiheit des einzelnen. Waffenverordnungen wurden aufgehoben, es ist nun so einfach wie in den USA, Waffen zu erwerben. Sie haben einen Job vorzuweisen, bestehen einen leichten psychologischen Test und schon halten Sie ihre neue, tödliche Waffe in den Händen. Natürlich werden Sie sie nur zum Selbstschutz einsetzen, vor der rasant gestiegenen Kriminalität zum Beispiel. Und diese wiederum wird sie gegen Sie einsetzen. Arbeit gibt es so auch nicht mehr. Die Wirtschaft geht ein, weil sich jeder die Freiheit nimmt, einfach mal zu Hause zu bleiben und sich in den Märkten – die allerdings schnell leer waren – selbst zu bedienen.

Stopp. Sie haben das Prinzip erkannt. Es kann keine gesamte Freiheit für jeden geben. Also was ist Freiheit in unserem Zeitalter?

Ich behaupte: Die heutige Weltbevölkerung ist freier denn je. Die Welt ist mit dem Internet überzogen, Meinungsäußerung leicht gemacht. Selbst in Ländern wie China, in denen die Meinung erst gar nicht online kommt, gibt es einen harten Kern von Anprangerern. Es gibt hier in Europa kein Gesetz, welches vorschreiben würde, wie wir unser Leben zu führen haben. Wir können den Beruf ausüben, den wir uns gewählt und gelernt haben. Wir können uns unseren Freundeskreis, unsere Partner aussuchen, wir können hierzulande auch in homosexuellen Beziehungen heiraten – ein Privileg, das Europa z.B. fast der gesamten Welt voraus hat. Es gibt keine harten sozialen Abgrenzungen mehr, wir werden nicht in Kasten geboren und können selbst entscheiden in welchem Umfeld wir uns aufhalten. Wir können uns gesund oder von Fastfood ernähren. Wir können zwischen tausenden Freizeitaktivitäten wählen. Wir können uns exotische Haustiere halten oder unsere Wohnung minimal modern einrichten und steril halten. Wir bestimmen unser Leben.

Nun werden Sie sagen: Aber es gibt doch Kriegsländer und Zwang in anderen Teilen der Erde. Es sind doch nicht alle frei. Das mag stimmen aber im Vergleich zu früheren Jahrhunderten sind wir wirklich erstaunlich frei. Es mag hier und da Einschränkungen ab zu stauben geben aber je freier wir werden würden, desto höher würden sich diese Forderungen wieder schrauben bis, nun ja siehe Gedankengang.

Die heutige Einstellung, nicht frei zu sein, ist eine unüberlegte Gedankenbarriere, die jeder nur für sich allein abbauen kann.