2012 Generation Porno : Der Vorwurf an die Reagierenden

Samael Falkner / erschienen auf „HAWK“

Generation Porno : Der Vorwurf an die Reagierenden

Die Anschuldigung steht in Europa im Raum: Die Jugend ist, wie immer an ihrer Lage selber schuld. Dieses Mal ist es die “Generation Porno”, die in der “Eltern beratenden” Fachliteratur, die längst zur ICE-Lektüre verkommen ist, am Pranger steht. Diese Generation, das sind die heute 10 bis 16- jährigen aber der Rahmen ist angeblich fair gesteckt. Doch gegen was genau wird denn da eigentlich geschimpft, jedoch nicht gehandelt?

95% der Jugendlichen zwischen 10 und 16 wissen, dass unter ihren Mitschülern Pornofilmchen verschickt werden. 60% davon haben schon selbst solche erhalten, gewollt oder ungewollt, per Mail und Handy und 35% haben zumindest Freunde, die diese Filmchen schon erhalten haben. Dazu kommt das passive Berieseln durch diverse Werbeangebote online. Denn eines ist Fakt: Jeder Jugendliche in Deutschland nutzt das Internet. Das ist nicht übertrieben, das ist eine Tatsache. Selbst wer heute nicht die finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung hat, findet Wege das Netz zu nutzen.

Suchmaschinen filtern nach Interessen des Suchenden ihre Werbeanzeigen und selbst mit denkbar einfachsten Suchbegriffen gelangt man auf ungewollte Angebote. Als Kind wie als Erwachsener, die Kindersicherung für Suchmaschinen wurde noch nicht erfunden.

Einen Filter gibt es, der filtert unzuverlässig zumindest aus den Bildersuchen die zoophilen Angebote und Bildchen zwischen den Ponybildern heraus, die die Tochter sich unschuldig anschauen möchte. Mit etwas Geschick im Umgang mit Kindersperren kommen selbst die Kleinsten schon an Hardcorepornografie, die bösen Kleinen, sie umgehen einfach alles, mit dem man sie schützen will. Eigentlich sind Kinder ja sowieso abgrundtief böse, weil sie von Natur aus neugierig sind. Mein bester Freund, sagt sich Kai (fiktiv, ich kenne keinen Kai und möchte keinen Kai kennen lernen), hat schon in der zweiten Klasse mal nackte Frauen gesehen, jetzt will ich das auch.

Die Generation Porno hat sich selbst erschaffen, könnte man zwischen den Zeilen der Kritiken lesen. Die Erwachsenen machen sich doch nur Sorgen. Sie tun doch ihr bestes, die Kinder sind zu schlau.

Doch hier liegt doch nur das klassische Prinzip der Aktion und Reaktion vor. Irgendwer da draussen erschafft täglich auf hunderttausenden Websites mehrere Millionen neue Pornofilmchen und -bildchen und verbreitet diese geschickt im Netz. Und irgendwer, nämlich die böse Jugend, findet sie. Man muss nicht danach suchen, nein wirklich nicht. Und Aufklärung wird an der Stelle von Filmchen ersetzt, an der die Jugendlichen und Kinder glauben, jetzt alles gesehen und erfahren zu haben. Und nein, es gibt sie nicht, die realistische Pornografie. Eltern die heute noch glauben, die Gefahr bestünde darin, nackte Mitmenschen zu sehen haben selbst nie die Inhalte eingesehen.

“Früher oder später sieht er/sie das doch eh” ist da eine gefährliche Mutmaßung, denn die Inhalte brechen nicht nur sinnlose gesellschaftliche Tabus, ohne die es sich durchaus leben lässt, sondern auch legale Grenzen. Nein, das ist nicht richtig. Die Pornos an sich brechen nicht mit dem Gesetz, sie sind gestellt. Hollywoodproduktion im Kleinen mit Specialeffects und Tricks. Echt aussehen und echt sein sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber würden Sie es glauben, wenn man ihnen sagte, dass an einer Pornoproduktion Szene für Szene auch ein ganzes Team damit beschäftigt ist, genau auf die Zielgruppen zu produzieren? Es gibt im Film keinen Zufall, genauso wenig wie in dem Kinostreifen, den Sie sich gerade eben noch im Fernsehen angeschaut haben.

So akkurat wie die Geschichtsschreibung nach Hollywood ist auch die sexuelle Aufklärung durch die Pornoindustrie. Und die macht heute allein in den Staaten mehr Umsatz als Hollywood und die gesamte Musiklandschaft zusammen. Denn je mehr Pornografie vorhanden ist, desto mehr scheinen die Menschen zu konsumieren. Das ist wie überall in der Warenlandschaft. Man sucht sich das passendste Produkt. Und wenn das noch nicht passt, sucht man nach noch mehr Details, bis man irgendwann das ideale Produkt gefunden hat. Doch in der Pornolandschaft hat man jeden Tag die Gelegenheit etwas völlig Neues für sich zu entdecken und das tut der Mensch auch. Ihm werden hunderte Kategorien, Absurditäten, sexuelle Fetische und Gewalttaten optisch angeboten, er “spaziert” nur durch die “Warenregale” und nimmt mit, was er möchte.

Und genau das zieht irgendwann auch Jugendliche an. Es gibt jeden Tag etwas, was man seinen Mitschülern schicken kann, denn das gab es vorher nicht. Das hat mit Sexualität nichts zu tun, das ist Sucht. Sucht, die angepriesen wird an Stellen, an denen man sie nicht finden sollte. Was würden Sie sagen, wenn ab morgen neben der Fleischwarentheke im Supermarkt ein Drogendealer einen Stand auf schlägt, an dem es zuerst einmal alle Synthetikdrogen kostenfrei gibt und der auch an Kinder Proben verteilt? Anders ist es nicht im großen Weltsupermarkt Internet. Die Suchmaschinen verdienen ihr Geld mit den Werbeeinblendungen, die auf kostenfreie Pornografieangebote weiter leiten, ganze Videocommunities sind ohne Altersbeschränkung zu betreten und bleiben kostenlos.

Die Jugend hat damit nichts zu tun, sie wurde nicht mit Pornografie erzogen aber sie wurde ihnen auf dem Präsentierteller vor die Nase gestellt, auf dass sie sich daran gewöhnen mögen und später selber zum Konsumenten werden. Die Auswirkungen sind nicht zu erfassen. Es hat sie früher nicht gegeben, die Porno-Sucht, die mittlerweile in klinischem Umfeld behandelt werden muss. Wenn der Jugendliche z.b. keine anderen Hobbies mehr hat, als nach der Schule Seite für Seite nach neuen Clips ab zu suchen und dabei immer schneller von immer härteren Praktiken gelangweilt zu sein. Es hat sie früher nicht gegeben, die Vergewaltigungsvideos, die auf Schulhöfen gedreht und per Handy verteilt werden. Und die Polizei ist machtlos, da sich nicht mehr beweisen lässt, ob “professionell” in Amateurstil gedreht wurde oder eine echte Straftat statt fand.

Die Jugend klärt sich selber auf, ohne zu wissen, wovon sie spricht. Und die Eltern verschließen die Augen, die Pädagogen sind machtlos und die Politik möchte schlichtweg nicht einschreiten, denn es geht ja hier auch um Arbeitsplätze einer großen Industrie. Ja, böse “Generation Porno”, das hat sie sich alles selbst eingebrockt.