Leben als Konzentrat

Samael Falkner

Leben als Konzentrat : Medienkonsum heute

Ein Plädoyer für die Entschleunigung der Gesellschaft

Ich bewundere Menschen, die sich zwei Stunden lang entspannt zurücklehnen und auf ein Buch einlassen können, eine Zeitung, nur von Kaffee begleitet, komplett lesen und sich durch nichts darin stören lassen. Doch ich beobachte diese Menschen auch mit gesundem Misstrauen, frage mich stets, ob sie nicht doch insgeheim in Gedanken woanders sind und die Buchdeckel nur zur Tarnung offen halten, hinter der Zeitung wie im Film in Wirklichkeit Geheimdokumente studieren oder durch ausgeschnittene Buchstaben jemanden beschatten. In der Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit ist es doch gar nicht mehr möglich, die Ruhe für einen kleinen, eigenen Lesemarathon aufzubringen, sich wirklich auf eine Geschichte einzustellen.

Einzelerfahrung oder Massenphänomen?

Zumindest zeigt das in der Praxis die Diskussion mit Lesern, Autoren, Bloggern und Internetnutzern, mit Menschen, die sich wünschen, sie könnten die Zeit und Muse noch aufbringen – doch vor allen Dingen die Konzentration. Zuerst wirkte es wie ein kleineres Problem, ein persönlicher Aufhänger. Je mehr kurze Texte ich über den Tag lese, desto weniger kann ich mich auf ganze Seiten konzentrieren. Doch aus dem privaten Bereich schwappte die Welle irgendwann in die Gesellschaft über und machte klar, dass es sich um ein Zeitphänomen handelt, keine Einzelerfahrung.

Prokrastination wurde das Phänomen getauft, viel zu freundlich oft „Aufschieberitis“ genannt. Im Grunde die Thematik Buch und Leser auf den Arbeitsalltag übertragen. Das Problem, sich nicht mehr auf eine Sache konzentrieren zu können und stattdessen ganze Listen an anderen Dingen abzuarbeiten, nur um sich nicht vor die eigentliche, längere Aufgabe setzen zu müssen. Etwas, das es schon früher gab, wenn wir uns an die Hausaufgaben in unserer Schulzeit erinnern. Doch damals gab es stets drei Arten von Schülern. Die, die die Aufgaben direkt nach der letzten Stunde gelöst haben, solche, die sie sehr spät am Abend lösten daheim und die Mitschüler, die entweder noch in der Pause vor der Forderung an die Arbeit gingen oder sie schlicht gar nicht erledigt hatten.

Irgendwann nach der Schulzeit traten die Medien in unser Leben, niemand der gar keine Zeitung las, wenige die keine Bücher daheim hatten. Wer gar nicht las, musste sich auch nicht auf Texte konzentrieren, für die wenig interessierten Leser gab es Tageszeitungen und -zeitschriften, bei denen das Lesen der Überschriften meist schon den Hauptinhalt der Schlagzeile vorweg nahm, zeitsparend doch wenig informativ, und für die ganz hartgesonnenen Informationshungrigen gab es die Meisterklasse der Tageszeitung, fast so dick wie ein mittellanger Roman, gut aufbereiteter Journalismus, der über das noch so kleine Detail einer Sache aufklärte. Und dann, nicht plötzlich aber doch innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne, übernahm das Internet die Führung.

Sofortinformation und Aufbereitung der Nachricht heute

Wenn der Leser im Netz eine Nachricht, eine Schlagzeile oder auch nur Klatsch und Tratsch sucht, stehen ihm dafür Suchmaschinen zur Verfügung. Doch meist hat er seine Favoriten unter den Websites, die die gesuchte Information bereithalten, schon vor einiger Zeit gefunden, gespeichert und liest die Nachricht, die ihn interessiert, direkt. Dabei ist der Suchmaschineneintrag zuerst einmal aufgebaut wie die Hauptschlagzeile eines Magazins: Die Nachricht ist knapp in der Überschrift zusammengefasst, in den vier Zeilen unter dieser steht in der Kurzbeschreibung bereits das Nötigste zusammengefasst, beziehungsweise finden sich hier, je nach Formatierung, die ersten zwei bis drei Sätze des verlinkten Artikels.

Der Nachrichteninhalt im Netz ist jedoch selten so umfangreich wie früher in der gedruckten Tageszeitung denn der Benutzer sucht nicht mehr nach seitenlangen Essays, für die findet er wie oben erwähnt gar nicht mehr die nötige Zeit und Konzentration, sondern vor allen Dingen die zeitnahe Information.Nachrichten, die älter als einen Tag sind werden praktisch nicht mehr gelesen, für viele Schlagzeilen beträgt die Haltwertzeit nicht einmal 3 oder 4 Stunden. Wenn irgendwo auf der Welt ein Anschlag, eine Militäraktion oder ein größeres Verbrechen verübt wird, erwartet der Leser eine sofortige Meldung, er möchte nicht mehr bis zum nächsten Morgen warten. Und er kann mittlerweile darauf vertrauen, dass zigtausende Magazine im Netz ihm diese Information auch bereit stellen, in Echtzeit und wenn es nur über Kanäle wie Twitter und Social Networks wie Facebook geschieht. Der Leser ist heute „dabei“, wenn Schlagzeilen geschrieben werden, er möchte nicht mehr das zähe Detail sondern den Happen, den er schneller verdauen kann.

Spannung, Action und die Lüge von der Schnelligkeit

Und so wie er Nachrichten liest, nämlich in Echtzeit, Kürze und sporadisch nebenher, erwartet er auch den Rest der Medien aufbereitet für seinen Konsum, bis hin zum klassischen Roman. Es gibt Bücher, die finden keinen Absatz, weil sie die einfache Regel befolgen, einen Spannungsrahmen bis zum „großen Finale“ der Geschichte aufzubauen. Thriller verkaufen sich wie nie zuvor erstklassig, ganz egal worum es geht, weil sie „Action“ auf jeder Seite bieten. Wer den Leser fesseln möchte, bringt heute auf jeder Seite einen unbedeutenden Nebencharakter um seine Existenz und streut Sex und Blut über jedes Kapitel. „Sex sells“, aber in diesem Fall vor allen Dingen die Spannung auf die ich mich nur wenige Sekunden konzentrieren muss.

Der durchschnittliche Leser ist heute rasante Handlung auf allen Kanälen gewohnt, eine Fernsehserie findet er erst richtig gut, wenn fünf Nebengeschichten ablaufen während von dramatischer Spannungsmusik untermalt der Held der Folge ohne Rücksicht auf Logik rennt und rennt und schießt, springt, trifft, Leben rettet oder Verbrechen im Vorbeigehen löst. Der eigentlich interessierte Mensch kauft populäre Sachbücher, die in Kapitel eingeteilt sind, die man zwischen drei Haltestellen in der Bahn konsumieren kann. Er nimmt sich nur noch Zeit für Dinge, die ihn konkret interessieren, alles andere muss vor allen Dingen schnell sein. Ein Diätbuch muss am besten nach drei Seiten auf den Punkt gebracht haben, wie man denn nun abnimmt und die Diät an sich muss in einer Woche machbar sein.

Essen muss überhaupt am schnellsten gehen, „Slow food“ heißt heute das, was vor zehn Jahren das ganz normale Mittagessen bedeutete. Das Gegenteil also vom heute gängigen „Fastfood“, dem Burger, Sandwich, fertigen Salat, der Instantsuppe und vorgeschnittenen Pizza. Menschen kochen aus Hobbymotiven, weil sie sich sechs Tage die Woche die Zeit nicht mehr nehmen wollen, den Eintopf alle halbe Stunde auf dem Herd zu besuchen, bis er fertig ist – wenn man ihn auch in drei Minuten aus der Dose in einen Teller schütten und schnell erwärmen kann. Damit ist die Ernährung heutzutage das beste Beispiel für die Lüge der Schnelligkeit denn mit diesen hochhaltbar gemachten, geschmacksverstärkten Produkten gehen die Hauptprobleme der neuen Generationen einher, nämlich gesundheitliche auf allen Gebieten.

Slow food zwischen Buchdeckeln

Doch was, wenn sich die Folge der Hektik, dieses Alles-schnell-und-sofort-wollen nicht nur im Ernährungsbereich negativ auswirkt. Was wenn schnelles Lesen genau so schadet wie rasantes Leben an sich? Wir konzentrieren uns nicht mehr. Weder auf das Essen, noch auf die Nachricht. Und wir lesen eben nichts mehr, was die gewohnte Aufmerksamkeitsspanne überschreitet. Allein dieser Gedankengang ist um einige tausend Zeichen zu lang, um vom durchschnittlichen Konsumenten gelesen zu werden. Das Gehirn stellt sich auf die Schnelligkeit ein, doch es kann offensichtlich nicht mehr davon los. Das viel besprochene „Einfach mal Abschalten“ um ein Buch in Ruhe zu lesen, ist vielen Lesern nicht mehr möglich, das Slow food zwischen den Buchdeckeln überfordert.

Und die Leser stören sich daran. Ich höre in meinem Beruf als Autor viel zu oft die Aussage, man hätte dieses und jenes Buch noch nicht lesen können, weil die Konzentration fehlt, dabei würde man so gern. „In einer ruhigen Minute“ nähme man sich das Werk vor. Ich erwische mich selbst dabei, zum Schnellkonsumenten zu werden und vertröste meinerseits wiederum andere Kollegen und Freunde darauf, wann ich ihre Bücher, die mir auf den ersten Seiten erstklassig gefielen, zuende lesen werde. Und das ist auch das eigentliche Traurige, dass man sich mit der Flut der kurzen Schlagzeilen und Minikapitel den eigenen Zugang zu dem, worauf man sich gern konzentrieren würde, verbaut hat.

Sicherlich gibt es eine Art Kur von alldem und ich spreche nicht davon, auf den privaten Internetzugang zu verzichten. Ich spreche von einer Entschleunigung der Freizeit, einer Konzentration auf eigene Interessen. Denn es könnte sein, dass ein Teil der modernen Schnellkonsumenten sich schon lange keine Gedanken mehr macht, ob er jede dieser kurzen Informationen wirklich benötigt, nicht auch mit einem morgendlichen halbstündigen Blick in die Tageszeitung informiert genug wäre. Die Vielfalt zu nutzen ist gut und richtig, aber wenn der letzte Nerv dabei auf der Strecke bleibt, ist ein Umdenken gefordert.

Ein Ausblick

Werden die Medien in Zukunft noch schneller? Ich behaupte, das ist nicht möglich. Schneller als Echtzeit wäre nur ein Hellseher, die Information per Tweet oder Schnellschlagzeile über einen Unfall der vor dreißig Sekunden auf einer Autobahn geschehen ist, mitsamt Foto oder Videoaufnahme die wenige Sekunden später folgen, ist nicht mehr schneller einzuholen als aktuell möglich. Der Trend scheint eher zurück in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, den besten Beleg liefern Tageszeitungen, die auch online weiterhin vier bis fünfseitige Artikel liefern und ihre Auflagen und Besucherzahlen stabil halten, zu denen sich neue Medien gesellen, die auch auf langsame Berichterstattung setzen.

Ein idealer, vielleicht idealisierter Trend wäre demnach jener zurück zum Detail, zurück zum Leser, der sich auch nach fünfzig Seiten Romanlese noch auf die Geschichte einlassen möchte, das Buch zuende liest und sich von einem Ende noch überraschen lässt, auf welches der Schriftsteller im besten Falle hin geschrieben hat. „Slow reading“ könnte die Bewegung dann heißen, die schon zu Nietzsches Zeiten einmal mehr aufgeflammt war und von verschiedenen Vordenkern und Experten bereits seit Jahren wieder ins Gespräch gebracht wird als Alternative zum aktuellen Beschleunigungsboom auf anderen Gebieten.

Bis dahin gilt der ehrliche Versuch, ein Buch mal wieder zwei Stunden am Stück zu genießen oder eine der buchdicken Tageszeitungen komplett zu lesen, zu reflektieren, den Kaffee auszutrinken und zurück in den Arbeitsalltag zu hetzen.

 – 2012

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