Lies es nicht!

Samael Falkner

Lies es nicht!


Nie waren wir besser informiert.

Dieser Satz birgt eine grundlegende Wahrheit und falsche Annahme in einem. Wir könnten gut informiert sein, nie hatten wir mehr Wissen auf Abruf bereitstehen wie in Zeiten des weltweiten Netzes. Doch wir hatten auch nie so viel Unsinn und gefährliche Dummheit auf einem Haufen liegen, wie sich im Netz als Wissen tarnt. Dieses Pamphlet möchte mit einem Rundumschlag mit der Lese-Unkultur im Internet und Mediendschungel aufräumen, und mit dem Gedanken, Alles lesen und wissen zu müssen.


„Ich begrüße es auch, dass Migrantenkinder nicht an Gymnasium sind, schließlich sprechen sie sehr oft sehr schlechtes Deutsch und leben mit ihren Eltern oft nur in Deutschland, weil sie versorgt werden vom Staat und Steuerzahler. Interesse für unsere Kultur, Sprache und Menschen haben doch die wenigsten von denen. Diese Kinder würden das Niveau an den Schulen deutlich senken.“ erklärt Kommentator „Mutter“ unter dem Artikel einer großen Tageszeitung zum Thema Bildungschancen in Deutschland. Ein anderer Leser hat den Kommentar gespeichert und zugänglich gemacht, um der Nutzerin – oder dem Nutzer, schließlich macht das Internet weitestgehend geschlechtslos, wenn es um Meinung geht – die Blöße zu geben, die er oder sie sich mit dieser Äußerung selbst verschafft hat.

Seine Sammlung von rassistischen, diskriminierenden oder schlicht dummen Kommentaren dieser Art ist schnell angewachsen, als er die Idee dazu in Form eines Tumblr-Blogs umsetzte. Dabei stützt er sich in seiner Sammlung nur auf die Kommentare dieser einen lokalen Zeitung. Würde er sich im Mediendschungel Internet nach allen Meinungsäußerungen dieser Art umsehen, müsste er ein Mitarbeiterteam beschäftigen.

Es gibt viele Blogs dieser Art. Ein großes „Watchblog“ zum Beispiel, beobachtet die oft falsche oder hetzerische Berichterstattung der Boulevardmedien und wird dabei so umfangreich fündig, dass ganze Kausalketten der falschen Information nachverfolgt werden können, natürlich ebenfalls nur auszugsweise.

Es ist nicht möglich, jede Dummheit im Netz zu finden, das ist jedem Nutzer und Leser klar und für den Versuch muss man nicht lange suchen. Überhaupt weisen einige der Informationsseiten, Nachrichtenportale und Foren massive Berge von Schund auf, ordnen ihre Lesergruppen oft ganz klar und deutlich in eine bildungsferne Schicht ein, die ihnen die Aufmerksamkeit schenkt, die sie benötigen, um sich lange genug über Wasser zu halten mit ihrer Arbeit.

Ja, es ist Arbeit. Und nicht einmal die schlechteste. Die bewusste Fehl- oder Halbinformation nährt eine ganze Branche von Berichterstattern, Klatschreportern und Boulevard-Journalisten. Und diese Branche serviert die Nachrichten für ein ganzes Land. Leicht verständlich aufbereitet, mit vielen Fotos versehen und so sensationshaschend wie überhaupt möglich. Und immer, wenn man denkt, es ginge nicht schlimmer, kommt der nächste Mini-Skandal um die Ecke, dann oft unbeachtet oder verzögert.

Höchst selten regen sich Stimmen gegen diese Art der News-Mache, der bewussten Manipulation durch Falschinformation. Wenn sie sich regen, dann in Lagern von Medienkritikern, die ihrerseits wiederum von der Kritik leben oder in wenig einflussreichen Privatblogs, fast nie in den Medien selbst.

Dabei kann jeder im Netz seine Meinung äußern und die Meisten tun dies auch, doch in welcher Form? Zum einen in der kürzesten Form. 140 Zeichen auf Twitter lassen nicht viel Platz für wirkliche Argumentation. Sie lassen zwar theoretisch ausreichend Platz zum Verlinken auf die Diskussion an sich, doch werden oft nur in ihrer vorgegebenen Länge genutzt. „Günther Grass hat Recht.“ ist zum Beispiel ein schöner, gern genommener Tweet-Ansatz und ebenso eine Meinungsäußerung, doch wird sie nicht wahrgenommen, selbst bei zehntausenden Followern und auch wenn sie verbreitet (retweetet), oder honoriert (gefavt) wird, ist sie nicht sachlich oder recherchiert, keine Basis auf der man weiter mit dem Nutzer diskutieren könnte. Und die Diskussion wird auch gar nicht gewünscht oder angestrebt, man hat lediglich dem Bedürfnis, seine Meinung zu „sagen“ stattgegeben.

Ein Facebookstatus ist – soweit mir bekannt – mittlerweile durch keine Zeichenvorgabe eingegrenzt oder wenn dem doch so sein sollte, durch eine relativ hohe, in der eine Stellungnahme zu einem aktuellen Problem möglich wäre. Doch bei Facebook hat sich eine andere Meinungs-Parallelwelt gebildet, die nunmehr alle ihre Gedanken und Gefühle versucht, in kleinen weitergeleiteten Bildchen unterzubringen. Diese werden selten selbst erstellt und bringen Weisheiten wie „Diese Person ist gegen Tierquälerei“ und „Diese Person mag Nazis nicht“ zu Tage. Wenn überhaupt. In der Hauptsache wird die Bildfunktion für das Verbreiten von seichten Alltagsweisheiten genutzt. „Der frühe Vogel kann mich mal“ und „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“, nicht sonderlich tiefgehende Sprichworte also.

Natürlich gibt es in beiden Medien Ausnahmen. Reporter, die in langen Essays ihre Meinung beschreiben, bekräftigen und mit Quellen versehen, und diese dann auf Facebook oder Twitter lediglich verlinken. Politiker und Politik-Interessierte, die ganze Grundsatzdebatten in langen Facebook-Statusnachrichten und Kommentaren führen. Doch das – und das ist das eigentliche Problem – lesen wiederum nur Menschen, die bereits die Diskussion begonnen und sich Argumente zurecht gelegt haben, diese verteidigen oder im besten Falle auch davon abzurücken bereit sind, wenn sie eine fundiertere Meinung als ihre eigene lesen.

Wer seine eigene Meinung für gewöhnlich in unter 140 Zeichen ausformuliert, liest keinen dreiseitigen Artikel zum Thema und wird plötzlich zum sachlichen Kommentator, der auf die Meinung des Verfassers eingeht und von seinen Argumenten abschwenkt, wenn neue Fakten in die Diskussion eingebracht werden. Die Diskussionskultur an sich existiert nur noch in stark verkürzter Form oder unter Akademikern und Informierten.

Um jedoch informiert zu sein, braucht es die Fähigkeit, sich zu informieren. Frühere Generationen haben sich dazu Büchern und Fachzeitschriften gewidmet. Sie haben Tageszeitungen gelesen, aber diese auch reflektiert und mit vorhandenem Hintergrundwissen abgeglichen, ob die Information, die sie gerade serviert bekommen haben, mit dem eigentlichen Geschehen konform ging. Wer einen Beitrag über – sagen wir – einen Schriftsteller und dessen neues Werk verfasste, hatte sich dafür mit dessen vorherigen Arbeit auseinandergesetzt oder auf Literaturkritiken verlassen, die über den Beschreibungsrahmen hinaus gingen.

Das Bild mag ein wenig idealisiert daher kommen und ist es sicherlich auch, denn auch in dem viel beschrienen „Damals“ gab es annähernd so viele Halbinformierte und Faktenresistente wie heute. Sie haben sich nur seltener zu Wort gemeldet und wenn, dann im Kreise von Freunden, Familie, Arbeitskollegen oder – und das waren schon die fortgeschritten Informierten oder radikal Dummen – in Form von Leserbriefen.

Leserbriefe werden auch heute noch geschrieben, nicht einmal weniger als früher, doch die meiste Meinungsäußerung findet ohne Frage im Netz statt. Und niemand kann den Dummen an seiner Äußerung hindern, außer er übertritt damit geltendes Recht. Doch gerade im Falle von Rassismus und ähnlich krankhaften Auswüchsen der Gesellschaft, wird viel zu oft damit argumentiert, dass man „die Meinung ja wohl noch vertreten dürfe“.

Eigentlich, und ich sage bewusst ‚eigentlich‘ und nicht ‚praktisch umsetzbar‘, nicht. Das Recht auf Meinungsäußerung hört nämlich laut Verfassung dort auf, wo andere Menschen beleidigt, diffamiert oder angegriffen werden. Eigentlich. In der Praxis hört es dort auf, wo Sicherheitsbehörden und Anwälte eingeschaltet werden und Zeit dafür finden, diese „kleinen Netzstreitereien“ zu begutachten.

Denn so rapide das Internet als „Volksmedium“ auch gewachsen ist, bleibt doch die Meinung in den Köpfen von Richtern und Polizisten oft diese, dass es nicht mit der „realen Welt“ gleichzusetzen sei. Und selbst wenn, würde man die Diskussion unter einem Nachrichtenartikel wohl als Stammtischgeschwätz abtun und Stammtische wurden noch nie geahndet. Sie sind sozusagen deutsches Kulturgut und damit unantastbar.

Der Unterschied zwischen dem klassischen Eckkneipen-Stammtisch und dem Netz liegt dabei auf der Hand. Zu einem Stammtisch haben sich für gewöhnlich und im „Damals“ mittelalte Herren eingefunden, oft auch die dazu gehörigen Damen, ein paar große Krüge Bier geordert und je betrunkener man wurde, desto loser wurden die „Argumente“ in der stattfindenden Diskussion. Und wenn ein besonders betrunkener Stammtischler ein Totschlagargument wie „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“ brachte, verstummten die anderen, denn mit ihm wollte man sich nicht anlegen. Nach dem Verstummen dann oft das „Na im Grunde hat er ja Recht.“ und morgens das Aufwachen mit Kater.

Doch im Netz sieht die Situation völlig anders aus. Gerade junge Nutzer distanzieren oft nicht Meinung und Fakt und lassen sich in einer Diskussion schnell auf die „glühende“ Seite ziehen, die mit der vorgefertigten Pauschalmeinung eben.

Aber so weit müssen wir gar nicht gehen, den Rahmen der Rassismusdebatte zu überschreiten. Die Diskussionskultur im Netz funktioniert auf fast allen Themengebieten ähnlich des Stammtischniveaus. Ein emotionales Foto eines verwundeten Kindes kann damit schnell eine ganze politische Haltung gegenüber eines Bürgerkriegslandes festigen, auch wenn der Meinungshalter oft nicht einmal weiß, wo dieses Land liegt. Selbst wenn bekannt wird, dass das Bild eine Fälschung ist, oder aus einem ganz anderen Gebiet stammt, wird an der Meinung oft festgehalten, denn was einmal gebildet ist, das lässt man ungern ziehen.

Fotos von leidenden Tieren stehen im Internet auch ganz hoch im Kurs, wobei sie aus der Thematik dieser Schrift damit keinesfalls herausfallen. Denn damit einher gehen stets hasserfüllte Texte, die sich gegen eine Behörde, ein Land oder eine bestimmte Person richten.

So ist zum Beispiel die Ukraine auf Facebook ganz alleine an der Tötung von gefühlt zwanzig Millionen Hunden schuld. Die Fotos zu dieser kleinen Treibjagd stammen teils aus China, teils aus Spanien, das ist bekannt. Dennoch titeln sie auf die osteuropäische Ukraine, denn dort sollen angeblich genau so viele Hunde getötet werden und auf die gleiche Art, wie die Hunde aus China. Überhaupt interessiert es den deutschen Facebook-Nutzer gar sehr, wie es den Straßenhunden in der Ukraine geht. Nicht, dass man je dort gewesen wäre. Nicht, dass man irgendetwas über das Rudelbildungsverhalten von wilden Hunden (oder über die Ukraine) wüsste. Man sieht die Hunde und die Hunde sehen traurig aus, ausgemergelt weil sie niemand füttert. Und hungern darf auf der Welt kein Tier, da sind die Haustierhalter sich einig. Und da auch kein Tier sterben darf – „Chicken-Nuggets“ eines großen Fastfoodkette nimmt man auf dem Heimweg trotzdem mit, denn Hühner sind Nutz- und Fleischtiere, Eierlieferanten, Geflügel eben – muss endlich jemand etwas gegen die Hundetötung in der Ukraine tun.

Von den Kommentaren hin zum Verursacher ist es meist nur ein kleiner Schritt, ein Link, eine Äußerung in mitten der Nachrichten-Vielfalt, die bei genauem Hinsehen keine ist. Das Prinzip ist einfach und nachvollziehbar. Eine Nachricht oder vermeintliche Meldung wird über die dpa oder eine der anderen Presseagenturen geteilt oder direkt an eine einzelne Zeitung geschickt und Bots, so wie Redaktionsteams der großen Zeitungen, übernehmen sie deckungsgleich, ungekürzt, unreflektiert. Dass nur bei etwa der Hälfte aller Portale so verfahren wird, ist zwar positiv im Einzelfall, doch lässt den Leser auch ratlos zurück, wieso man die restlichen Zeitungen überhaupt noch lesen sollte.

Das Problem liegt da begraben, wo er es vermutet: Er kann nicht mehr klar erkennen, was Automatisierung und was echte Berichterstattung ist, ob ein Mensch hinter dem Presserechner sitzt oder eine Maschine den Artikel eingestellt hat. Wenn Sie heute von einer offiziell aussehenden Stelle aus behaupten, der iranische Präsident sei ermordet worden, wird die Hälfte der deutschen Zeitungen im Netz die Nachricht verbreitet haben, bevor jemand sie dementieren kann. Bis nämlich die iranische Botschaft oder jemand in der Regierungsbehörde des Iran bemerkt hat, dass irgendwo in Europa die Nachricht die Runde macht, vergehen ein paar Stunden und Nachrichten verteilen sich heutzutage in wenigen Minuten. Gerade Prominente (Jon Bon Jovi zum Beispiel völlig grundlos, Michael Jackson auch bereits Wochen vor seinem eigentlich Tod) wurden in den letzten drei Jahren so erstaunlich oft für verstorben erklärt, dass der wirkliche Tod einiger anderer erst viel zu spät vermeldet wurde, weil die prüfenden Medien sich nicht sicher waren, ob sie ihren virtuellen Kollegen mit der Meldung trauen können.

Doch sitzt ein Mensch hinter dem Artikel, können die Folgen oft noch verheerender sein. Da System Nachricht hat sich in den letzten hundert Jahren nicht wesentlich verändert, doch die Moralauffassung der einzelnen Journalisten nicht selten.

Relativ neu durch das Netz entstanden ist das Prinzip „Shitstorm“. Ein „Shitstorm“ ist der persönliche Angriff auf eine Einzelperson, Organisation, oder Partei durch eine zigtausendfache Netz-Nutzerschaft, der dann gern am Folgetag durch die Printmedien fortgesetzt wird. Dabei genügt eine kurze Äußerung, ein unbedachter Tweet, ein Blogbeitrag, eine auf Video oder in Ton mitgeschnittene Bemerkung und schon stürzt das Rudel los. Gedankenlos sammelt jeder der beteiligten Nutzer eine winzige Information, oft ohne Kontext, auf und verbrät sie für seinen eigenen Gegenschlag. Daraus summieren sich Massen von kleinen Angriffen, die in einem Großschlag durch Kolumnisten und Feuilletonisten mündet. Das „Opfer“ dieser Angriffe muss davon nicht in jedem Fall sofort etwas spüren, zum Beispiel wenn es sich zu dieser Zeit gerade offline aufhält, einem Beruf nachgeht oder schlicht kein Interesse am Netz zeigt. Aber der Shitstorm wird es erreichen, denn kein tägliches Blatt lässt sich diese kleinen Onlinejagden für den ersten Aufmacher des Tages entgehen.

Oft trifft diese Vorgehensweise „die Richtigen“, das heißt, zum Beispiel Politiker, die sich der Tatsache bewusst sein sollten, dass eine wähler- oder im schlimmsten Falle menschenfeindliche Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit immer von irgendwem gehört und dann natürlich auch kommentiert wird. Doch nicht selten sind die Opfer Menschen, die sich nicht wehren können gegen die Welle von Vorwürfen und medialen Zurechtweisungen.

Prominenter X wird verhaftet wegen eines angeblichen Verbrechens und in einem langwierigen Prozess als unschuldig erkannt. Doch bis es so weit ist und der Freispruch erfolgt ist, wird man sich wie ein Geier auf ihn stürzen. Seit einiger Zeit gilt dies auch für Menschen, die keineswegs prominent sind, sondern lediglich eines schweren, emotionalen Verbrechens verdächtigt werden.

Doch auf diesen Trend der Vorverurteilung gehen Christian Schertz und Dominik Höch in ihrem Buch „Privat war gestern“ am Beispiel mehrerer Gerichtsverhandlungen der Vergangenheit ausreichend ein, ich möchte mich eher dem Problem der ungefilterten Kontextlosigkeit widmen. Wenn eine nichtöffentliche Person einen Tweet oder eine kurze Statusnachricht im Netz verfasst, geht sie im Grunde nicht davon aus, dass die Bemerkung tausendfach verbreitet wird, auch wenn eigentlich das der Kern der Veröffentlichung ist. Wer fünfhundert Follower hat, rechnet mit fünf Antworten auf einen Tweet, vielleicht zehn, denn diese fünfhundert Menschen lesen nicht alle vierundzwanzig Stunden lang nur diesen Nutzer, sondern sehen am Tag bewusst vielleicht fünfzig Tweets, der Rest läuft durchs Bild wie der Affe in dem berühmten Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitstest.

In diesem Test wird der Zuschauer gebeten, eine Szene im Vordergrund aufmerksam anzusehen und nach Beendigung gefragt, ob ihm sonst etwas an dem Mitschnitt aufgefallen sei. Der Großteil gibt an, nichts besonderes bemerkt zu haben und hat damit den Schauspieler in Gorillakostüm nicht einmal am Rande wahrgenommen, der ins Bild gelaufen kommt, sekundenlang hinter dem eigentlichen Geschehen in die Kamera winkt und dann weitergeht.

Doch manchmal hat der Nutzer das Pech, dass eine seiner Äußerungen Prominenz erlangt und dies ist nur möglich, da kein Kontext zu der Problematik vorliegt. Es werden nie zwanzig aufeinander aufbauende Tweets versendet, um Empörung zu schüren, immer ist es nur der eine, an dem man sich gestoßen hat. Wenn ein Satz in einem Blogbeitrag oder Artikel ungünstig formuliert oder nicht zuende gedacht ist, wird genau dieser zitiert und nicht der gesamte Beitrag. Diese Kontextlosigkeit macht den Satz angreifbar, den Tweet oder die Statusnachricht präsent im Netz und was einmal verbreitet ist, lässt sich nicht mehr eingrenzen. Was dann folgt, ist oben beschriebenes Szenario.

Wenn die Geschichte erst einmal in den Printmedien zu lesen ist, ist es für den Betreffenden zu spät, den Schaden zu begrenzen. Dann muss er sich im schlimmsten Falle einen Anwalt nehmen, denn Gegenmeinungen werden bei durch Medien aufgeputschten Skandalen schnell zu Rufmord oder führen zu Drohungen, Belästigungen oder Schlimmerem. Das größte Tagesmagazin der Republik ist dafür bekannt, dass es die Persönlichkeitsrechte immer wieder verletzt, in dem es diese vermeintlichen Skandale mit Fotos oder persönlichen Details ausschmückt, die hässlichste Seite des Journalismus.

Ähnlich zweifelhafte Berühmtheit erlangen oft Überlebende von Unfällen oder Naturkatastrophen und auch hier werden Fotos verwendet, wie der betreffende Redakteur es in dem Moment für richtig hält, nicht etwa das Unfallopfer. Denn Zivilisten sind für einige Medien Menschen, die man nicht um Erlaubnis fragen muss. Wenn man den Prominenten schlecht darstellt und damit seine Karriere gefährdet, wird er sich wehren und das kann teuer werden, der Zivilist an sich wehrt sich selten, gerade nach einem Unfall ist er dazu oft gar nicht in der Lage, beziehungsweise hat ganz andere Probleme, wenn zum Beispiel seine Familie bei dem Unglück ums Leben gekommen ist. Man traut sich, sein Foto ohne Nachfrage zu verwenden und persönliche Details zu veröffentlichen, weil man keine Strafe fürchten muss. Und wenn doch jemand klagt, zahlen das große Zeitungen oft aus der Portokasse.

Dass Tageszeitungen und ihre Online-Pedante zu Subjektivität in der Berichterstattung neigen, das dürfte jedem bewusst sein, der in den letzten zwanzig Jahren eine Zeitung aufgeschlagen oder -geklickt hat. Neu ist, dass einige der Magazine durch das gegenseitige Abschreiben immer öfter zu den gleichen subjektiven Rückschlüssen gelangen zu einem Thema, oder von der gleichen Lobby profitieren. Wenn nun also eine Einzelmeinung in zehn Magazinen gleichzeitig erscheint, neigt der Leser dazu, sie als wahr und richtig anzusehen. Dieses Phänomen wird durch die angebliche Schwarmintelligenz der Internet-Leser verstärkt, die dann diese Meinung nicht selten als ihre eigene ansehen und weiterverbreiten.

Natürlich liest nicht jeder eine Schlagzeile als wahr und unumstößlich, doch wer es tut, sitzt in den meisten Fällen einer Massenverirrung auf. Wenn zehn deutsche Zeitungen heute noch berichten, dass ein Raumschiff am Grunde des Mariannengrabens gefunden wurde, als eine Filmcrew zufällig bei Dokumentationsarbeiten an einer unerforschten Stelle tauchte, steht für die meisten Leser fest, dass ein Raumschiff gefunden wurde. Sie können ja nicht selbst hinunter tauchen und nachsehen, da liegt das Informationsproblem. Es wird natürlich Zweifler geben, aber möglicherweise werden sie sich in einem Forum zusammenfinden, in dem sonst nur offensichtliche Verschwörungstheorien diskutiert werden.

Foren im Großen und Ganzen führen sowieso eher zu Falschinformation, als zu Ergebnissen in einem Themenfeld. Wenn Sie nicht gerade nach dem richtigen Kleber für Ihre Bastelarbeiten in einem spezifischen Bastelforum suchen, ist die Chance hoch, dass Sie in einem Forum mehr Informationen finden, die nicht recherchiert und subjektiv sind, als echte Fakten. Darum sind Foren auch nicht als Informationsquelle zu sehen, sondern als weitere Möglichkeit zum Stammtisch-Austausch. Und wenn es fünfzigtausend Mitglieder sind, die einen angeblichen Fakt verbreiten, richtiger wird die Information dennoch nicht, außer es kann eine glaubhafte Quelle dafür angeführt werden. Und Quellen sind im Netz Mangelware an den Orten, wo man auf Meinung, statt auf Wahrheit setzt.

Leider ist Desinformation und das Aufsitzen auf falschen Wahrheiten nicht das einzige Problem, wenn wir von der Aufnahme gelesener Dinge sprechen. Bücher gibt es schließlich auch noch und Belletristik hält sich seit dem Buchdruck hartnäckig als Lesetrend. Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich lebe von Belletristik. Nur ist nicht alles, was sich heute in das Gewand eines Unterhaltungsromanes kleidet, wirkliche Unterhaltung und dafür fallen Sachbücher en masse in diesen Bereich.

Populär-Wissenschaft nennt sich das Feld, in dem Sachbücher zum Schnellgebrauch veröffentlicht werden. Ursprünglich wurden Informationen, die wissenschaftlich schwer für den „Durchschnittsbürger“ zu verstehen waren, so lesbar gemacht, indem man niedliche Beispiele anführte oder eine Art Geschichte um die trockene Theorie herum aufbaute. Bücher wie „Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine“ machen es richtig, erklären tatsächliche Fakten und bleiben dabei verständlich und unterhaltsam. Wenn Sie sich mit Rückschlüssen auf selektive Erinnerungen und Bestätigungsfehlern, so wie einer Einführung in skeptisches Denken beschäftigen möchten, nehmen Sie dieses Buch zur Hand.

Schwieriger wird es bei Autoren, die sich selbst einen Titel geben und dem nicht gerecht werden. Als negatives Beispiel sei hier der der Philosoph Richard David Precht genannt, der seine Leser in dem Glauben lassen möchte, sie würden sich mit der Lektüre seiner Bücher tatsächlich philosophisch bilden. Dass Precht selbst eine umfassende Vorbildung in dem Bereich mitbringt, ist selbstverständlich, doch gerade deswegen müsste er wissen, dass seine Bücher reine Unterhaltung darstellen und im Sachbereich falsch eingeordnet sind. Das Problem ist auch gar nicht so sehr die seichte Lektüre, sondern viel mehr das Pochen darauf, dass das Philosophie sei und man Philosophie eben unterhaltsam aufbereiten müsse in kurzen Abrissen, alle Felder vermischt, in einfachster Sprachwahl. Denn wer einmal Precht für gut befunden hat, wird mit Kant und Hegel heillos überfordert sein oder war es vorher bereits, weswegen er sich für Precht entschieden hat.

Diese Art von Unterhaltungs-Sachliteratur gibt es in jedem Bereich, besonders gern auch in der Allgemeinmedizin, das Beispiel ist aus der Masse heraus gegriffen, zugegebenermaßen auch deswegen, weil mir Populär-Philosophen, die über ihre Leserschaft zu Protokoll geben „Was mir nicht an meinen Kritikern gefällt, ist ihre Weinerlichkeit.“, wobei sie nirgends auch nur ansatzweise in Dialog mit den angeblich weinerlichen Kritikern treten, grundsätzlich auch noch unsympathisch obendrein sind.

Es bleibt eine Tatsache, dass sich Unterhaltungs- und Fachliteratur vermischen und das nicht immer erkennbar beim Betrachten eines Buches, wobei bunte Cover als Indiz dienen könnten, wären nicht fast alle Neuerscheinungen im Grunde nur noch bunt und einheitlich. (Sie wissen schon: Mysteriöses Symbol auf dunklem Untergrund, schwarz oder rot bedeutet meist Mysterythriller.) Viel offensichtlicher ist jedoch, dass auch die Qualität der Unterhaltungsliteratur, die sich als solche ausschreibt, immer mangelhafter wird. Kriminalliteratur, die keine Logik mehr erkennen lässt, überwirft sich mit Vampirromanreihen, in denen je ein romantischer Vampir sich in ein Schulmädchen verliebt – Mit diesem Plot füllen sich ganze Regale in gut sortierten Großbuchhandlungen.

Wenn man derlei noch vor zehn Jahren gerne las, kaufte man sich die guten alten „Groschenhefte“. Sie kosteten zwar schon damals keinen Groschen mehr, aber auch nicht allzu viel und man wusste, was man auf den fünfzig Seiten erwarten konnte. Ein bisschen Romanze hier, Spannung dort oder wahlweise trashige Monster, die immer auf die gleiche Art und Weise durch einen Helden besiegt wurden, der dafür dann eine neue Liebschaft an seiner Seite hatte oder als hoffnungsloser Einzelgänger in den Sonnenuntergang ritt. Arztromanserien, Bauernromanzen, Western oder Thriller, so ziemlich jedes Genre gab es auch als Groschenroman in den Supermärkten und Kiosken und sie verkauften sich gut genug, dass Heerscharen von Autoren wöchentlich neue Geschichten an den Verlag schicken konnten.

Heute sind diese Geschichten in der gleichen Qualität und Aufmachung siebenhundert Seiten lang, kosten um die fünfzehn bis zwanzig Euro und werden trotzdem gekauft. Und auch hier greift das Prinzip der Populär-Sachbücher, denn wer einen kurzweiligen aber sehr langen, unlogischen Kriminal-Stil gewohnt ist, der bestenfalls an einen kurzweiligen TV-Thriller erinnert, wird mit anspruchsvoller Literatur einfach überfordert sein, wenn er sie denn überhaupt im Buchhandel noch vorfindet denn dort kauft man nur ein, was sich auch wirklich verkaufen lässt.

Und Verkaufszahlen bestimmen die Zukunft der Branche. Was der Leser heute liest, bestimmt, was er in den nächsten Jahren im Handel vorfinden wird, sowohl in Sachen Tageszeitungen, als auch in der Belletristik-Sparte und bei den Fachbüchern. Der Blogbetreiber, dessen wütende Kurzartikel mehr Klicks haben, als die langen Essays, wird weiter Kurzartikel schreiben und eine Zeitung, die positive Resonanz auf Minderheiten beleidigende Selektiv-Berichterstattung erhält, wird Stück für Stück unsachlicher, um durch den Leser mehr Traffic (also Klicks pro Seite) und damit höhere Einnahmen zu erzielen. Der „Bildungsauftrag“ findet nur in der eigenen Auswahl der Lektüre statt, nicht im Zeitschriftenregal. Literatur ist Business, keine wundersame Maschinerie, die selbst entscheidet, was sie dem Menschen vermitteln möchte und was ihm gut täte.

Wer gesund essen möchte, muss gesund einkaufen und wer gesund lesen möchte, muss dies mit bewusstem Kauf oder Nichtkauf mitbestimmen. So einfach ist es im Grunde. Wenn Sie erst einmal verstanden haben, dass man sich nicht für Ihr Recht auf Bildung und Information ändert, sondern Sie selbst entscheiden müssen, ob Sie Alles konsumieren und in Ihr Nervensystem lassen, das Ihnen nicht zusagt, verstehen Sie auch, dass Sie die Schlagzeilen von morgen bestimmen. Wenn Ihre Tageszeitung Persönlichkeitsrecht verletzende Artikel druckt, bestellen Sie sie ab. Wenn der Krimi zu seicht ist, dann kaufen Sie nichts mehr von dem Autor.

Die Simplizität des Systems mag für den Leser wie ein Hammer kommen, oder schon immer hintergründig in seinem Denken mitgeschwungen sein, doch konsequent gelebt hat sie kaum jemand. Gerade wo die Zeitung nur einen Klick entfernt ist und ja niemand zuschaut, glaubt man, auch einmal Promiklatsch lesen zu können, ohne damit Folgen nach sich zu ziehen. Und für die Privatperson stimmt die Schlussfolgerung, denn niemand wird morgens vor Ihrer Tür stehen und sie darauf hin weisen, dass der Prominente auch wegen Ihnen verzweifelt daheim sitzt und seine Karriere umplant oder erwägt, sich aus der Medienöffentlichkeit zurückzuziehen.

Wenn Sie einen schlechten Roman lesen, werden Sie ihn nach der Hälfte der Zeit beiseite legen, oder im Freundeskreis verschenken. Sie werden vielleicht eine schlechte Amazon-Bewertung hinterlassen und sich im Recht fühlen. Aber Fakt ist: Sie haben den Roman gekauft und dem Verlag damit signalisiert, dass Sie diese Art von Literatur bevorzugen. Der Verlag wird dem Autor mitteilen, dass sein Buch gekauft wurde, mehrere Millionen Male und vielleicht mochten dabei zweihunderttausend Leser nichts an dem Roman, aber der Autor wird weiter ähnliche Bücher schreiben, denn Sie haben es ja gekauft. Und vielleicht begehen Sie dann den Fehler, noch ein Buch der Art zu kaufen um zu schauen, ob es diesmal besser ist und – schon haben Sie den Autor wieder animiert, ein weiteres Buch der Reihe zu verfassen. Sie selbst sorgen mit Ihrem Kauf dafür, dass das eigentlich schlechte Buch, von dem Sie so enttäuscht waren, für gut befunden wird, ein Medienparadoxum.

Ich nehme mir zum Abschluss dieser kurzen Schrift einmal die Freiheit, es Ihnen so deutlich zu sagen, wie nur möglich:

Niemand wird gezwungen, etwas Bestimmtes zu verfolgen, zu lesen, zu konsumieren.
Wenn es nicht informiert oder unterhält – Lies es nicht!
Wenn es verletzt, diffamiert oder beleidigt – Lies es nicht!
Wenn es Dir eine Meinung als universelle Wahrheit verkaufen will – Lies es nicht!
Wenn es deinen Prinzipien widerspricht – Lies es nicht!
Wenn es dich unterfordert – Lies es nicht!

Mit dieser einfachen Aufforderung lässt sich die Medienlandschaft, Online und in der Printbranche, in die eine oder andere Richtung, innerhalb weniger Monate komplett verändern. Eine ganze Diskussionskultur lässt sich damit wieder herstellen, das Bildungsniveau teilweise wieder aufbauen. Der Verbraucher entscheidet damit, was er liest.

Wenn du es also nicht lesen willst – dann lies es einfach nicht. Lies es nicht halb, schau nicht einmal rein. Lies es nicht aus Neugier oder Schadenfreude. Wenn jemand einen Link herum schickt, auf dem der anstößige Artikel liegt, gegen den es vorzugehen geht, lies ihn nicht.

Die Schlussfolgerung, dann nicht darüber mitreden zu können, ist faktisch falsch. Wer eine Falschinformation nicht besitzt, sichert sich wichtigen Speicherplatz auf der eigenen Festplatte, hält den Kopf frei für die Informationen, aus denen er wirklichen Nutzen ziehen kann. Das Gespür dafür, was eine Falschinformation ist, bildet sich von allein, wenn man lernt, seinen Lesestoff vorzusortieren und Medien, von denen man Unsachlichkeit gewohnt ist, einfach nicht mehr zu konsumieren.

Der Leser von Heute entscheidet für sich und den Leser von Morgen. Er hält ein Stück Verantwortung in den Händen, welches er nicht einfach weiterreichen darf. Er muss lernen, diese Verantwortung zu nutzen. Das Nachdenken darüber ist ein wichtiger Schritt, der nächste Schritt ist das Beobachten der Medienlandschaft, der Verlagsbranche und der Mediengruppen, die Nachrichten nach eigenem Gusto auswählen.

Der dritte und wichtigste Schritt ist die Konsequenz dazu, die neuen Medien, zum Beispiel in Form von personalisierbaren Feed-Readern (mit denen man Nachrichten abonnieren kann, Themengebiete ausklammern oder filtern) für sich selbst so zu gestalten, dass sie nichts mehr beinhalten, was man nicht unterstützen möchte. Und wenn das bedeutet, dass Sie Ihrer langjährigen Tageszeitung das Treue-Abo kündigen müssen, dann sparen Sie am Ende sogar Geld.

Sie haben in der Hand, was Sie in Zukunft lesen. Nutzen Sie diese Freiheit.

-2012


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