All’ombra di ombro

Samael Falkner

All’ombra di ombro

Ich habe seit so vielen Nächten nicht geschlafen. Es hetzt mich, treibt mich, es lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Dieses Geräusch. Ich kann es nicht überhören, verdrängen, vergessen. Es war als wäre eingetroffen wovor ich mich immer gewarnt hatte. Verlass nie das Haus, habe ich mir gesagt, verlass nie das Haus wenn du dir nicht sicher sein kannst, dass es nicht geschieht. Das Unaussprechliche.

Es ist Sommer. Ich mag den Sommer, da er mir ein wenig Stille verschafft. Doch dieser Sommer war anders, oh ja, er war kein wirklicher Sommer. Um mich herum blühten alle auf, freuten sich ihres Lebens und den Hitzestrahlen entgangen zu sein doch betrachten wir es logisch, so liefen sie von Anfang an in ihr Verderben. Diese Menschen, die da hinaus gingen um dem Sommer und der Sonne zu entfliehen, ich konnte sie nicht mehr erkennen wenn sie zurückkamen. Und schlimmer noch, ich konnte sie nicht mehr berühren. Sie waren – in Kontakt gekommen. Die, die sich hinaus getraut haben, tanzten oder sich küssten als gäbe es kein Morgen, für die sehe ich keine Hoffnung mehr. Sie sind kontaminiert.

Bin ich es auch? Weiß ich es am Ende nur nicht? Nun bloß keinen Fehler machen. Es wird aktiviert durch Wasser, da es aus dem Wasser kommt, richtig? Ich drehe die Leitungen zu. Kein Wasser mehr. Doch was trinke ich? Kann ich noch trinken, ohne es zu aktivieren. Was kann ich essen? Vielleicht ist es sicherer, kein Obst zu essen. Nichts mit zu viel Wasseranteil.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das alles begann und wieso ich der einzige zu sein scheine, der es wahrnimmt, der die Gefahr sieht und bei ungünstiger Wetterlage auch riecht. Ich kann es spüren wenn die Wolken sich am Himmel unnatürlich häufen und wenn die Dunkelheit der drohenden Ohnmacht voraus geht. Es genügt ein kleiner Moment Unachtsamkeit, den Atemzug zu verpassen, in dem die Wolkengebilde mit voller Wucht aufeinander prallen und das unheilbringende Donnern über unseren Köpfen erzeugen. Das Grollen ist tiefer und voller geworden, seit sie den Tod mit sich tragen.

Jetzt sehe ich sie. Sie kommen näher, auf die Stadt zu unausweichlich. Ich habe die Fenster nicht mehr geöffnet, seit die Sonne verblasst ist, seit es unsicher wurde. Ich könnte sie warnen, die anderen Menschen dort draussen. Warnen vor der Gefahr die sich anschleicht, noch leise, gleich lauter und dann mit voller Wucht.

Ein einzelner Wassertropfen landet auf meiner Fensterscheibe von außen. Ein einzelner. Ich schrecke zurück, berühre das Glas von innen mit der Fingerspitze meines rechten Zeigefingers und folge dem Tropfen auf dem Weg zum Fenstersims. Es beginnt. Wie es immer beginnt. Ein zweiter Tropfen prallt gegen das linke Fenster. Ich lasse auf der einen Seite leise die Rollladen herunter, als könnte es mich hören. Natürlich kann es das nicht, es hat keinen Sinn für die Belange der Menschen. Es kann nur zerstören.

Ich zähle in meinem Kopf leise und vorsichtig an. Einundzwanzig. Tack. Zweiundzwanzig. Tack, tack, tack, tack. Dreiundzwanzig. Ein lautes Donnern, das mich fröstelnd hoch fahren lässt aus meiner Trance. Jetzt ist nicht die Zeit, es ist nie die Zeit. Ich lasse den zweiten Rollladen zur Hälfte herunter und spähe durch die offene Luke auf die Straße. Ein junges Mädchen in einem hellen Kleid streckt ihren Arm zögernd in die Luft und schaut wartend gen Himmel. Dann hebt sie ihre Tasche schützend über den Kopf und läuft schneller. Ein Hund schüttelt sich und bellt kurz auf. Dreißig. Da ist er. Der Regen.


Alle auf Samaelfalkner.com veröffentlichten Texte unterliegen dem ausdrücklichen Copyright des Autors und dürfen weder zitiert, noch weiterverwendet werden, auch nicht in Teilen. Wenn Sie den Text teilen möchten, setzen Sie bitte einen Link zu dieser Seite. 

[Die Ombrophobie bezeichnet die Angst vor Regen an sich bzw Kontakt mit Regen. Betroffene bilden sich dabei den Regen gern als ätzend oder verseucht ein und verlassen teils tagelang das Haus nicht, wenn Regen vorhergesagt ist.]