2009 Von der Medienüberflutung, die im Kopf beginnt

Von der Medienüberflutung, die im Kopf beginnt

Samael Falkner / Erschienen auf „HAWK“ 2009

„Gibt es einen Sättigungspunkt für die Psyche? Was bedeutet es wenn das Ich überflutet wird von realen und fiktiven Personen, von fremden Phantasien und weit entfernten Katastrophen, von Sexualität, Grausamkeit, von den Modellen und Skripten eines „besseren Lebens“, wie sie die Werbung und Konsumwelt vorgaukeln, von irritierenden Widersprüchen in Politik, Kultur und Philosophie?“ fragt sich Heiko Ernst 1996 in „Psychotrends“.

Dreizehn Jahre später stellt sich diese Frage nicht mehr. Der Sättigungspunkt ist erreicht und das auf allen Gebieten und vollständig. Nun ist die eigentliche Frage – Wie gehe ich mit der Überflutung der Psyche um und kehre zurück zur Aufgeräumtheit davor?

Was bedeutet diese Überflutung, das sollte zuerst geklärt werden, schon weil sich mittlerweile mehrere Generationen auf diese Art von Umgebungs-Informationssturm stützen. Und welcher Teil davon ist so unabkömmlich geworden, dass wir ihn nicht wegdiskutieren können? Das Fernsehen, als Medium am zweitwenigsten diskutiert und für wichtig befunden, ein Punkt, an dem sich der logisch denkende Mensch fragen sollte, ob er es wirklich benötigt. Was gibt uns das Fernsehen denn, was wir nicht ohne unbewusste und sehr direkte Werbung haben könnten? Zuerst einmal stiehlt es uns Lebenszeit und das nicht einmal hinter unserem Rücken, sondern mit unserer vollen Zustimmung.

Laut Paoli sagen neuere Statistiken aus, wir würden 195 Minuten pro Tag für dieses eigentlich nutzlose, da überholte Medium opfern. Außerhalb der Statistiken gestehe ich dem Einzelnen der Einfachheit halber einmal zwei Stunden in Rechnung. Dies tu ich im vollen Bewusstsein, dass einige Zeitgenossen mit übertriebenem Konsum der bewegten Sinnlosbilder die Statistik wohl etwas heben. Und hier spreche ich auch ganz bewusst die Menschen an, die den Fernseher neben allem anderen laufen lassen.

Aber wieso eigentlich finden so viele Menschen noch immer Gefallen an der seichten Unterhaltung von Realityshows, in denen wir uns mal so richtig schön fremdschämen können und seichten Entertainmentdokus, die weniger zur Information, als viel mehr zum Lückenfüller zwischen den Talkshows und Castings dienen? Denn mal nachgefragt, schaut ja eigentlich schon lange niemand mehr eben jene Shows, denn gesellschaftlich ist das nun nicht so akzeptiert, wie man glauben würde. Würde Ihr Chef sich morgen in der Mittagspause mit Ihnen über die laufende Big Brother Staffel unterhalten wollen, Sie würden einen neuen Vorgesetzten fordern.

Doch Unterschichtenfernsehen ist in dieser Gesellschaft nicht mehr für die Unterschicht zugeschnitten. Sondern für jeden, der nach der Arbeit mit dem typischen „Ich brauch, was zum Abschalten“-Spruch die Füße hochlegt, vom Banker bis zum Tellerwäscher. Und wer nicht das Fernsehen zur Zerstreuung nutzt, nutzt das Internet. Das ist übrigens auch der Ort, von dem die meisten angesprochenen realen Personen ausgehen, auf die wir verzichten könnten.

Schön ist es zu wissen, dass da irgendwo in Island jemand über Kornblumen bloggt, aber wir müssten diesen Jemand nicht kennen, um unsere Freizeit zu füllen. Und auch den ein oder anderen Twitterer auf dem Weg zur Arbeit müssten wir nicht begleiten – doch der „moderne Mensch“ hat nun mal keine Lust mehr, allzu viele tatsächliche soziale Kontakte aufrecht zu erhalten. Anonymität auf der Straße, Offenheit online – ein Phänomen der Selbstdarstellung, wie es vor den neuen Medien so nicht existierte.

Früher musste man zumindest Talent vorgaukeln, um beachtet zu werden, heute muss man nur in 140 Zeichen seinen Alltag beschreiben können, um Beachtung von hunderten Menschen zu finden. Aber diese Beachtung ist für die Psyche nicht so erträglich, wie sie zunächst klingt denn wir halten immer größere Stücke auf uns selbst, ohne den üblichen Weg der Tätigkeit dafür zu gehen.

Nicht unerwähnt sollten heutzutage sogar Printmedien bleiben, zur Verkümmerung unseres Soziallebens und zur Verwirrung der einstigen Psyche beitragend. Zeitungen drucken nicht mehr nur wirklich wichtiges und wenn doch, dann meinungstragend und -bildender als je. Denn unsere Meinung ist schon lange nicht mehr unsere Meinung.Wahllos erscheint Unterhaltungsliteratur, die sich als Sachbuch ausgibt. „Schlank werden in 7 Tagen“ – unser Körper wird uns was husten. Der Inhalt des Gedruckten zählt nicht mehr, nur die Verkaufszahl. Und da wir auch ständig über Alles und jeden und vor allem aufkommende Trends informiert sein wollen, kaufen wir auch jeden Schrott. Tun uns Realitydokus über „Asifamilien“, die im Dreck wohnen, an und adden siebenhundert wildfremde Leute in unser virtuelles Leben.

Hurra, da haben wir die Überflutung. Oder die Überflutung hat uns, je nachdem wie pessimistisch man das Ganze betrachten möchte.

Nun endlich zur Lösung des Problems. Wie gehe ich mit dem Mediendschungel um, was lasse ich näher an mich heran und wieso eigentlich? Gute Frage, denn die Medien lauern überall.

Sie sitzen in einer Straßenbahn. Sie sind mit drei Medien gleichzeitig konfrontiert. Um Sie herum Werbeposter. Besuchen Sie doch mal wieder einen Englischkurs, titelt mindestens eins davon. Denn wenn Sie heute im Internet und in der Firma mithalten wollen ja dann – dann müssen Sie auch abnehmen und darum hängt gleich daneben die Werbung fürs lokale Fitnessstudio. Übrigens eine Einrichtung für den modernen Menschen von heute, der alles sofort wirksam haben muss. Frische Luft und Bewegung würden den gleichen Effekt erzielen, aber leider nicht bis nächste Woche nach dem Intensivkurs Japanisch. Außerdem haben Sie irgendwo oben vor sich einen kleinen Bildschirm, der Ihnen je nach Lust und Laune Ihrer Verkehrsbetriebe Ihr Horoskop verkündet („Sie treffen die Liebe Ihres Lebens“ – wenn Sie noch heute abnehmen), den Wetterbericht zeigt („Den ganzen Abend bewölkt und verregnet“ – machen Sie sich’s schon mal vor der Mattscheibe bequem) oder, und da haben Sie richtig Glück, Ausgehtipps zeigt. Die nehmen Sie natürlich nicht wahr, außer es bringt Sie geschäftlich weiter denn Freunde gibt’s ja jetzt auch online.

Keine Straßenbahn mehr fahren wegen Medienüberflutung? Nein, falsch. Es ist schon interessant den Wetterbericht zu schauen, denn dann kann man sich kleidungstechnisch darauf einstellen beim Weggehen. Das eigentlich Wichtige ist das „Wie verarbeite ich die gesehenen Informationen“. Weiß ich also, dass ich mein Englisch aufpolieren, kann, wenn ich möchte, oder sehe ich mich in der Schuld, Selbiges zu tun.

Sehe ich mich verpflichtet, allen von meinem Alltag zu erzählen oder kann ich das auch in persona tun, wenn ich meine Freunde irgendwo abends auf ein Bier treffe? Und kann ich mir Freunde zeitlich überhaupt leisten, wenn ich zwei Stunden nach dem Feierabend vor dem Fernseher sitze, bzw. ist mir die seichte Abschalten-Unterhaltung wirklich den Verlust meines Soziallebens wert?

Was lasse ich umgebungstechnisch, auch außerhalb der Medien, in meinen Kopf und in mein Leben und was nehme ich hin, ohne mir weiter Gedanken darüber zu machen. Und welche Dinge sind es wirklich wert, von mir überdacht zu werden? Die Überflutung kann zwar mit einem Wall von Gleichgültigkeit gestoppt werden, aber völlige Abgeschottetheit macht das Leben auch nicht zwangsweise sozialer. Denn „sozial“, das bedeutet andere ziehen mit. Also muss ein Umdenken weg von den Medien her, ein steiniger Weg ohne bisher bekannte Lösung bzw. Abzweigung in die reale Ebene.