2011 „Mit der Welt umgehen lernen“ – Artikelreihe

2011 „Mit der Welt umgehen lernen“ – Artikelreihe

Samael Falkner / Erschienen auf „HAWK“

Mit der Welt umgehen lernen I – Entscheidungen

Die Welt ist egoistisch geworden. Nein eigentlich nicht direkt, aber die Milliarden Individuen lassen sie so erscheinen. Der physische Akt des Vor sich hin lebens ist schnell bestritten. Atmen, Blut durch die Venen pumpen, das läuft alles relativ automatisch, da muss man nicht nachhelfen. Aber Leben, da steckt mehr dahinter und Leben heißt, mit der Welt umgehen können. Wie gehe ich mit so einer Welt und den Menschen darauf um, was verbindet mich mit ihr und was steht zwischen uns?

Ich stehe morgens auf. Ich könnte morgens auch nicht aufstehen. Ersteres führt aber zu einem gewissen Erfolg in der Welt, da Nichtaufsteher auch beruflich nicht weit kommen. Das ist also schon ein Punkt, der erkennen lässt, dass ich ein Teil der Gesellschaft bin und aktiv lebe. 90% der Menschen drehen morgens keine Runde über ihre Farm und pflücken sich ihr Frühstück, sondern begeben sich zum Kühlschrank (zumindest die, die einen besitzen und sich eine Mahlzeit am Tag leisten können).

Also teile ich auch diesen Fakt wieder mit Mitmenschen, die unter Umständen auch an der Herstellung dieser Produkte mitgewirkt haben. Ich sollte diesen Fakt im Hinterkopf behalten, wenn ich als Gutverdiener demnächst einen Fabrikarbeiter treffe und gerade dabei bin, herablassend zu kommentieren.

Während des Frühstücks schaue ich ggf. auf die Wurstpackung und muss erstaunt feststellen, dass in meiner Nahrung tote Tiere stecken. Ich habe auch hier die Wahl, ob ich wissen möchte, was für tote Tiere genau oder eher nicht. In ersterem Fall entscheide ich mich evtl. demnächst, meine Wurst auf einem Schlachthof vor der Stadt zu kaufen, weil die Tiere dort atmen können. Oder ich werde Vegetarier / Veganer / Fruganer.

Das sind Entscheidungen, die trifft jeder Mensch für sich allein, muss sich aber dazu erst einmal im Klaren sein, dass er ständig Entscheidungen trifft. Welches Brot kaufe ich, welchen Wagen fahre ich, laufe ich zur Arbeit oder fliege mit meinem Privatjet. Spende ich 10 Cent Kleingeld für S.O.S. Kinderdorf oder gründe lieber ein Indianerreservat und – muss der Urlaub auf den Malediven wirklich monatlich sein?

Entscheidungen machen zwar einen wichtigen Teil des Alltags aus, wollen aber auch verstanden werden, bevor man sie trifft. Wenn ich eine Entscheidung allerdings zugunsten der Welt treffen will, gehe ich meist selber leer aus. Das ist ein Manko. Das ist nicht gut für das Überleben im Allgemeinen. Darum kommt es hier auf die Größe der Entscheidung an.

Beispiel: Kaufe ich Salami mit oder ohne Pfeffer? <-> Ordne ich eine landesweite Kinderpornografie-Razzia unbewaffnet oder bewaffnet an?

Ob sich der Pfefferpflücker auf der Plantage merkwürdig anstellt und gerade bei meinem Pfefferkorn den Hang hinunter fällt, liegt nicht in meinem Zuständigkeitsbereich. Die 180 Polizisten, von denen eventuell 5 angeschossen werden, und nicht überleben, könnten schon.

Mit der Welt umgehen lernen II – Umweltbewusstsein vs. Soziales

Wenn ich mich mit der Welt um mich herum beschäftige, sehe ich früher oder meist doch etwas später ein, dass ich mich als Einzelperson nicht um alles kümmern kann. Ich kann zum Beispiel nicht alleine den Welthunger bekämpfen und den Regenwald retten bzw. wieder aufbauen und einige hundert Jahre Schnellwachstum ankurbeln. Da kommt das kleine Wörtchen ‚Priorität‘ ins Spiel.

So ausgelatscht das gute alte ‚Prioritäten setzen‘ auch sein mag, es steckt ja doch ein Fünkchen Wahrheit darin. Bei einem Schiffsuntergang als einziger Nicht-Nichtschwimmer, sollte man sich zum Beispiel recht schnell entscheiden, wen man retten möchte, sonst gehen alle unter. Das lässt sich gut auf den Alltag übertragen. Engagiert an die Sache gehen und etwas ändern wollen mögen noble Motive sein, aber man sollte sich ein Ende zum Anfassen wählen.

Eigentlich lassen sich die Weltverbesserer-Themen allesamt in „Umwelt“ und „Soziales“ einteilen. Natürlich mag man mit der Umwelt wiederum auch den Menschen helfen aber das ist doch eher ein positiver Nebeneffekt, so wie man mehr Umweltbewusstsein erhofft, wenn es dem veränderten Sozialfeld besser geht. Logisch in der Theorie, unlogisch in der Praxis. Unter Umwelt zähle ich salopp so Dinge wie „Rettet den Baumkraken“ und „Verhindert die Abholzung des Stötteritzer Wäldchens“. Globale Probleme also, die uns zwar alle etwas angehen, aber nicht jeden interessieren. Unter Soziales fällt neben der Einführung der Schuluniformpflicht, auch die Forderung nach gesünderer Kantinenverpflegung in Nordrhein-Westfalen.

Denn seien wir mal ehrlich, wer für größere Zwecke wie die Erhaltung des Regenwaldes und den Schutz der Urvölker in Südamerika spendet, der engagiert sich selten bis gar nicht vor Ort. Er füllt damit eher nur ein lächerlich kleines Finanzloch, von dem irgendwo ein Maschendrahtzaun errichtet wird. Bewegen kann man persönlich nur im kleinen Rahmen etwas. Ich höre es schreien „Aber wenn alle …“ ja, wenn. Wenn die Erde eine Scheibe wäre, würde auch der Flug von Kanada nach Peking länger dauern – sie ist aber rund.

Der Einzelne hat also die Wahl, sich umwelttechnisch oder sozial zu engagieren, wenn er wirklich etwas bewegen möchte. Nun steht noch die Frage des „Wie“ im Raum. Im Großteil der Fälle heißt das lediglich, per Überweisung oder abgebucht. Ich bin ja ein großer Fan von Abbuchungen. Zurück zum Thema. Wie engagiere ich mich für etwas.

A) Ich gründe einen Verein.

Schön, dann kann man nämlich mit zwanzig anderen darüber reden, wie man sich engagieren könnte. Heraus kommen mittelmäßig geplante Infoveranstaltungen, bei denen dann auch tatsächlich drei Zuhörer für die Krebsforschung bei tasmanischen Teufeln spenden.

B) Ich schreibe Briefe.

An jeden und alles und überall hin, wo man sie mir nicht zurückschickt. Die Regierung in Ruanda beantwortet Briefe, mit der Forderung eines generellen Waffenverbotes im Lande, zwar nicht aber ich habe hinterher das Gefühl, man hätte sich meine Idee zumindest angehört.

C) Ich demonstriere.

Da macht es die Menge. Finde ich zweitausend andere, die auch lieber Holzspielzeug in Kindergärten hätten, dann ist die Demonstration vielleicht sogar medienwirksam und jemand denkt darüber nach, es einzuführen. Mir wird am Ende vorgeschlagen, das Holzspielzeug doch zu finanzieren, vorerst für 10 Kindergärten zur Probe. Damit habe ich nicht gerechnet und gebe auf.

D) Ich denke darüber nach – und handele dann dem Problem entsprechend.

Idealerweise schaue ich mir zum Beispiel das Obdachlosenheim meiner Wahl mal an und merke dann, dass neue Matratzen nötiger gebraucht werden, als Hobby-Gemeinschaftsräume. Ich wende mich dann schriftlich an eine Matratzenfirma und biete einen netten Werbedeal an, da die Firma von der Matratzenspende einen gewissen Medienvorteil hätte. Die Firma stimmt zu, ich organisiere eine Veranstaltung zur Übergabe der Matratzen und verteile Flyer zum Thema „Probleme vor Ort erst einmal betrachten“. Ich nehme dabei noch 200 Euro an Spenden ein und kann davon noch eine Hobbyecke einrichten.

Bravo, ich habe dann das Prinzip des Engagierens verstanden.

Aber nur weil ich auf der Welt lebe, zusammen mit Umwelt und Menschen, muss ich mich noch lange nicht engagieren. Oder? Naja, das kommt darauf an, ob ich im Fall der Fälle eine Knochenmarksspende von anderen erwarte, die sich ja eigentlich auch nicht engagieren müssten und eventuell an diesem Nachmittag gar keine Lust zum Spenden haben. Soll das doch jemand anders machen!

Mit der Welt umgehen lernen III – Begründeter Egoismus

Bevor jemand ein soziales Wesen werden möchte, ist er doch zuerst einmal ein egoistischer Mensch. Der Selbsterhaltungstrieb überwiegt jeder Moral und jeder sozialen Verantwortung, aber was er halte ich da eigentlich in einer Welt, in der mir jeder seine eigene Wahrheit aufzwängen möchte?

Ich glaube persönlich, mit sich selbst umgehen zu lernen ist der schwerste Teil in Sachen „Welt“. Die Umwelt definiert, wir reagieren und meist merken wir schon nicht einmal mehr, dass es sich weder um unsere Meinung noch unsere Vorstellungen eines Lebens handelt. Konsumzwang, geleitet von der Konsumsucht anderer Mitmenschen, Mithalten, Mitrennen, Überholen und ganz weit vorne stehen.

Wir lernen schon früh, uns durchzusetzen. Dabei setzen wir uns zuletzt nur noch gegen andere durch und vergessen uns im Wettstreit. Von Äußerlichkeiten einmal abgesehen, passen wir unseren Alltag von Anfang an nur an andere Menschen an. Wir lernen was gesellschaftlich richtig und was „falsch“ ist. Wir werden mit den Moralvorstellungen unserer Eltern groß gezogen und übernehmen später die unserer Freunde, Kollegen und auch ein Stück von jedem, den wir irgendwo kennen lernen.

Wir haben keine Wahl, bis wir uns dessen bewusst werden. Und dann droht der gesellschaftliche Abstieg, der Jobverlust zum Beispiel, wenn wir uns nicht mehr an die Spielregeln halten. Und ganz ohne Regeln geht es verständlicherweise nicht – das wäre purer Egoismus.

Aber Egoismus ist nicht pauschal schlecht, sondern teils begründet. Denn wie eingangs vermerkt ist der Selbsterhaltungstrieb auch völlig richtig einer der stärksten Instinkte. Wir wissen im Grunde genommen, was wir uns wert sind, wir benötigen dafür nur Zustimmung und die holen wir uns durch gesellschaftliche Anerkennung. Klingt kompliziert, ist simpel.

Kaufe ich mir heute einen Neonpinken Overall und gehe damit morgens zur Arbeit, dann kann der Overall mir selbst noch so gut gefallen. Sobald man mich schief von der Seite anschaut, verspüre ich zuerst einmal das Bedürfnis, mich umzuziehen. Purer Egoismus wäre, wenn ich darauf bestehen würde, den Overall von nun an täglich zu tragen, auch gern in Neongelb und Neonorange, auf Pressekonferenzen und bei Kundengesprächen.

Begründeter Egoismus wäre, wenn ich eh hinter meinem einsamen Schreibtisch ohne Kundenkontakt sitze und verteidige, dass ich diesen Overall an diesem einen Tag tragen möchte. Eigentlich müsste ich mich nicht verteidigen, aber der Rest der Welt möchte informiert werden.

Sich ein wenig an die Gesellschaft anzugleichen und ihr komplett zu folgen, sind jedoch zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn ich mich verpflichtet fühle, mir den Overall nicht zu kaufen, keine eigene Meinung zu haben, mich für jedes falsche Wort nur noch entschuldige – dann ja dann, bin ich nur noch ein Teilchen in einem großen Puzzle, in dem immer das letzte Stück fehlt.

Um ein Stück vom äußerlichen Erscheinungsbild ab zu kommen, sollte hierbei auch vermerkt werden, dass die heutige Gesellschaft aus Individualisten besteht, die vielmals gar nicht mehr merken, dass Einzigartigkeit zum Massenphänomen verkommen ist. Wenn jeder einzigartig zu sein versucht, bilden sich Grüppchen, die alle ähnlich einzigartig sind und dann endet das Ganze in einer noch viel größeren Einheitsbrühe als zuvor.

Wo liegt also der Zwischenweg? Ich denke, es gibt ihn nicht aber man kann auf ihn zu arbeiten. Denn Egoismus beginnt mit Selbstakzeptanz. Wer sich selbst nicht kennt, einschätzen kann und akzeptiert, kann kein eigenes Bild vom Leben entwickeln, nicht abschätzen, ob er seine eigenen Vorstellungen verfolgt oder den eingetrichterten Vorbildern der Gesellschaft hinterher trottet.

Quintessenz: Egoismus ist gut – solange er andere in ihrem Egoismus nicht behindert.