Nachklang in Kirschrot

Samael Falkner

Nachklang in Kirschrot

«Du wirst ihm doch nicht glauben, Theo.» «War es das, was er gesagt hat?» Der Mann strich sich, mit der linken Hand, wie er es immer tat, eine Strähne aus der Stirn «Nein. Nein, das war es, was ich glaubte, was geschehen würde. Eine Rechtfertigung. Irgendetwas.» Stattdessen hatte sein Vater sich vom Tisch erhoben. Er hatte die Serviette vom Schoß auf das Tischtuch gelegt und den Kragen seines Haushemdes mit der Hand gelockert, zwei Finger Luft, um sich zu sammeln. «Das Kind lügt, seit es auf die Welt gekommen ist.» postulierte er und verließ den Raum. Sie hatten an diesem Abend den Verkauf der Produktionshallen beschlossen. Man müsse, hatte Karl, Bruder seines Vaters und junges Abbild dieses strengen Mannes, gesagt, mehr in den Vertrieb investieren. Der Vertrieb sei das primäre Feld, in dem die Zukunft der Textilbranche liege. «Und Ihr Vater?» «Er hat sich in Entscheidungen stets auf ihn verlassen, auch wenn es um meine Erziehung ging. Und um Prügel. Er riet zum Gürtel, mein Vater schwor auf den traditionellen Rohrstock.»

An diesem Abend hatte niemand ihm geglaubt. Am Ende hatte er selbst angenommen, die langen Nachmittage in den Lagerräumen, in denen er an Eisenregale gekettet lag, nackt, wehrlos, schlicht erfunden zu haben. «Was geschah, als der Besuch das Haus verlassen hatte?» «Er ging nicht. An diesem Abend blieb er über Nacht und lehnte im Türrahmen, als die Komposition aus Holz und Leder mir den rechten Unterarm brach. Ich glaube, er hat gelacht.»

Der Psychologe, ein hagerer Mann, dessen Gesicht in Falten lag, wenn er angestrengt zuhörte, sah von seinen Notizen auf. «Sie glauben? Das überrascht mich, bisher erinnerten Sie sich stets an alle Details lebhaft und farbenfroh.» «Farbenfroh?» Sein Gegenüber, schlank mit akkuratem Scheitel, in einen dunkelgrauen Anzug gekleidet, mit seinen säuberlich polierten Schuhen, hob eine Augenbraue. Er war, was man elegant aber unauffällig nennen würde, ein wenig in sich zusammengesunken, still. «Vielleicht ist farbenfroh das falsche Wort. Ich erinnere mich in den Grautönen eines alten Spielfilms. Jede Geste, jeder Augenaufschlag meiner Mutter, wirkte wie einstudiert, theatralisch überspitzt, um die Farben zu ersetzen. Farbig ist nur die Gegenwart.» Er steht an einem Erkerfenster und schaut hinab auf die Straßen der Großstadt. Der ordentlich im Abstand von je zwölf Metern gepflanzte Japanische Ahorn, leuchtet in einem knalligen Kirschrot vor der Kulisse des Stadtparks. Seine linke Hand sucht nach einem Haar, das sie aus dem Gesicht heben könnte, stattdessen findet der Mittelfinger das Brillengestell, schiebt es zurück zur leicht eingekerbten Nasenwurzel. Mit ausgestreckten Fingern streicht er sich über die Brauen und kneift die Augen zusammen, als würde ein Kopfschmerz ihn durchzucken. «Sei endlich still!» fordert er, leise doch angespannt.

Der Junge liegt ausgestreckt auf dem Sitzmöbel, die Hände unter den Wangen gefaltet wie im Schlaf, doch zusammengehalten von zwei Kabelbindern, die in das Fleisch rund um die Gelenke schneiden. Die Füße stecken noch in Turnschuhen, das grüne T-Shirt ist nach oben verrutscht. Er liegt auf der Seite und füllt das breite Sofa nur zu einem Viertel aus. Seine Brust hebt und senkt sich nicht. Die Augenlider haben aufgehört, zu flattern.

Der Mann meint sich selbst. Sich und die Minuten, in denen sein taghelles Bewusstsein ihn anschreit, er solle fliehen. Er hat die Einheit selbst gerufen, die seine Wohnung nun bei angelehnter Eingangstür stürmt. Und seit vielen Jahren spürt er erstmals wieder den Schmerz, die Demütigung, als sie ihn in die Knie zwingen, die Arme auf den Rücken drehen. Die blonden Haare fallen ihm ins Gesicht. Er hört seine Mutter schreien, dass sie kein Mädchen großziehen wird und ein Junge das Haar kurz zu tragen hat.

«Er hat nicht gelacht.» Der Therapeut schreckt aus der Stille auf. «Wie bitte?» «Er hat nicht gelacht, als der Knochen brach. Er hat sich abgewandt und später an diesem Tag auf dem Dachboden erhängt. Ich war es. Ich habe gelacht.» und auch jetzt verzieht er die Mundwinkel zu dem ersten wohlgesonnenen Blick seit Monaten. «Ich habe gelacht, weil ich, für einen Moment nur, die Zukunft sehen konnte. Die verlassenen Fabriken, die elende Witwe, den vollgepissten Boden, das verteilte Hirn auf der Urkundenwand meines Vaters.» Und dann lacht er. Laut und ansteckend. Die Bröckchen an der Wand werden gelb und rot, die Esszimmertapete erleuchtet in elegantem Dunkelgrün, und der Geruch des Feiertagsbratens steigt ihm in die Nase.

«Das Kind lügt, seit es auf die Welt gekommen ist.» sagt der Vater. Er legt die Serviette neben dem Teller ab und verlässt den Raum. Seine Mutter schaut zu Boden. Sein Onkel sieht ihn über die mit Braten gefüllte Gabel hinweg an. Am Tisch sitzen drei Polizisten in Kampfmontur, die schwarzen Helme reflektieren den rötlichen Kerzenschein der Tischdekoration. Der Therapeut, er sitzt ihm gegenüber an der Tafel, schlägt den Notizblock zu. Er folgt dem Vater, der die Waffe aus dem Schreibtisch holen wird. Der Junge lacht.

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